Die Blender-Branche

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Angebliche Keynote-Speaker und Bestsellerautoren in Training und Consulting

#leanmagazin
am 30. 06. 2017 um 11:06 Uhr in LeanMagazin von Prof. Walter Simon


Diese Frage stellt Trainern und Beratern, vor allem jenen, die den Arbeitsschwerpunkt ihrer Tätigkeit auf die Selbstdarstellung gelegt haben.
Da Autorität etwas mit Autor zu tun haben könnte, versuchen sich die meisten Erfolgsmissionare als Buchautoren. Ein Buch steigert den Bekanntheitsgrad, und da der Begriff Autor in dem Wort ‚Autorität‘ steckt, legitimiert man so seinen Expertenstatus.
In einer Branche, die über keine definierten Qualifikationsstandards verfügt gilt ein Buch als Qualifikationsnachweis.

Die meisten Führungs-, Verkaufs- und Persönlichkeitstrainer sind natürlich auch ‚Speaker‘, wie man einen Redner in diesen Kreisen nennt. Aber sie sind nicht nur Speaker, sondern höherwertige ‚Keynote-Speaker‘. Dabei ist unerheblich, dass es gar nicht so viel Nachfrage gibt, wie sich Speaker nennende Persönlichkeitsoptimierer. Und wenn man schon Speaker ist, muss man noch Autor werden. Das aber klingt zu normal. Viele Keynote-Speaker behaupten von sich, Bestsellerautor zu sein.

Mit dem nötigen Kleingeld wird man leicht und schnell zum Autor. Die Schreibarbeit übernehmen Ghostwriter, wobei es sich zumeist um thematisch spezialisierte Textagenturen handelt. In der Trainingsbranche sind es etwa ein Dutzend bekannte Namen, an die man sich vertrauensvoll wenden kann.

Nun braucht man nur noch einen Verlag. Der ist schnell gefunden, denn ‚Kochbücher‘, in denen sich Rezepte für eine erfolgreiche Lebensführung finden, verkaufen sich gut. Viele der hierfür in Frage kommenden Verlagshäuser bieten sich den Autoren gleichzeitig als eine Art Marketingagentur an. Oft reicht es, wenn der Autor oder dessen Trainingsunternehmen eine stattliche Zahl an Exemplaren abnimmt. Wie schon vorstehend erwähnt, mindert sich so das kaufmännische Risiko des Verlages.

Der Autor reicht sein Buch als Werbemittel an Kunden und Interessenten weiter. Das erklärt, warum es unendlich viele Titel mit gleichen Inhalten gibt, vorzugsweise Verkauf, Persönlichkeitsentwicklung, Rhetorik und Motivation. Wer das Seminar des Autors besucht oder sich von diesem coachen lässt, kommt am Erwerb des Buches nicht vorbei. Es ist wie bei einem Flug mit Ryanair, bei dem einem noch Zigaretten, Parfum und Alkoholika zum Kauf aufgeschwatzt werden.

Die Buchtitel klingen verheißungsvoll oder versprechen gar Unglaubliches. Auf den Klappentexten werden die Autoren als erfahrene, wissende und weise Erfolgslehrer dargestellt. In den Vorworten wird der Kauf als kopernikanische Wende im Leben des Lesers dargestellt:

„Das Buch, das sie hier in den Händen halten, wird eines der wichtigsten Bücher in Ihrem Leben werden“ (Küstenmacher).

„Wenn Sie dieses Buch gelesen haben, sind Sie ein neuer Mensch“ (Conen).

Ein anderer Autor spricht von „Wundern, die Sie nie für möglich gehalten hätten.“

Auf den Homepages der Trainer- und Coachinggilde werden diese Bücher selbst bei Kleinstauflagen zu Bestsellern und die Verfasser zu Bestsellerautoren erklärt. Zwar finden sich die Titel auf keiner der relevanten Bestsellerlisten, aber man stellt sich ganz und gar unbescheiden auf eine Stufe mit literarischen Könnern.

Branchenunkundige Journalisten übernehmen leichtgläubig die Selbsttitulierungen und Selbstbeweihräucherungen der Erfolgsgurus. Das veredelt die Stories. Der Leser interessiert sich nicht für das Normale, sondern für den Star. Letzter platziert die publizistischen Lobpreisungen fast wie eine Leuchtreklame auf seiner Homepage.

Ego-Politur

Neuerdings stößt man auf eine neue Werbemasche. So hat der Sohn des Alt-Bundeskanzlers, Walter Kohl, für Martin Limbecks Macho-Pamphlet ein wohlwollendes Vorwort geschrieben. Ähnliches bei dem Buch ‚Die Umsatzmaschine‘ von Andreas Buhr. Es wird von dem bekannten Managementberater und -autor Hermann Simon eingeleitet.

Wer bei Amazon beispielsweise den genannten Titel des Buches von Buhr eingibt, bekommt sowohl den Namen Buhr als auch Simon angezeigt, ohne den Hinweis, dass es sich bei letzterem nur um den Vorwortschreiber handelt. Der Verkaufsguru Buhr zusammen mit dem Autor von ‚Die heimlichen Gewinner‘, toll, das wertet die wertlose ‚Umsatzmaschine‘ auf.

Ich behaupte mit Nichtwissen (ein juristischer Terminus zur Abwehr von Rechtsstreitigkeiten), dass es sich hierbei um bezahlte Namensgebungen handelt. Hoffentlich haben die Namensgeber die Bücher überhaupt gelesen. Sie sollten wissen, dass sie sich mit dieser Art der Vorwortkumpanei abwerten. Vielleicht reicht es ihnen, bezahlt und genannt zu werden, wohlwissend, dass viele Bücher einfach nur im Bücherschrank landen, ohne je gelesen zu werden.

Wer sich erfolgreich als Guru ‚branden‘, also zur Marke machen will, darf nicht nur in seinem Fachgebiet bleiben. Bei Verkaufstrainern gibt es natürlich die obligaten Verkaufsfibeln, in denen nachzulesen ist, wie man mehr und besser verkauft. Dann kommt das Buch zum Thema Mitarbeiterführung hinzu und irgendwann das übergeordnete Erfolgsbrevier, etwa Limbecks ‚Warum keiner will, dass Du nach oben kommst‘ oder Buhrs ‚go! Die Kunst das Leben zu meistern‘. Die Weisheiten der selbsternannten Erfolgsautoren gehen natürlich weit über das Verkaufen hinaus. Andreas Buhr als ehemaliger Vertriebstrainer der Hamburg-Mannheimer-Versicherung weiß, worauf es ankommt, um Mitarbeiter des Strukturvertriebs, so genannte ‚Strukis‘, auf Touren zu bringen.

Wie sehr die Leser von den literarischen Ergüssen der Verkaufs- und Erfolgsweisen begeistert sind, zeigen die vielen Rezensionen und die großzügigen Bewertungen bei Amazon mit vier bis fünf Sternen. Was der unbedarfte Interessent nicht weiß, ist, dass viele dieser Lobeshymnen aus beauftragten Werbeagenturen stammen. Diese sorgen dafür, dass aus Zwergen Riesen werden, vorausgesetzt die Sonne steht tief genug und wirft lange Schatten.


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