Der Kollaps der Bronzezeit und heutige komplexe Systeme

Der Kollaps der Bronzezeit und heutige komplexe Systeme

In den Jahren von 1.200 vor Christus bis 1.150 vor Christus kam es im Mittelmeerraum zu gewaltigen Umwälzungen. Die großen Zivilisationen (Ägypter, Mykener, Hethiter, Assyrer), die davor für tausende Jahre diese Region dominierten, verschwanden innerhalb von nur wenigen Jahren komplett oder wurden zu einem Schatten ihrer selbst. Es folgte für hunderte Jahre ein dunkles Zeitalter. Der internationale Handel kam zum Erliegen, zentrale Regierungen verschwanden, die Handwerkskunst wurde wieder primitiv und das geschriebene Wort wurde praktisch ausgelöscht.

#leanmagazin
am 07. 05. 2020 um 04:30 Uhr in LeanMagazin von Thomas Zabrodsky


Warum es zum Kollaps der Bronzezeit kam, ist ein Mysterium, über das heute noch debattiert wird. In diesem Beitrag möchte ich ein wenig auf Spurensuche gehen und nachvollziehen, was wir für heutige komplexe Systeme lernen können.

Zu Beginn sollten wir uns kurz die Ausgangslage vor dem Kollaps ansehen. In den Gebieten des östlichen Nordafrikas, des mittleren Osten, Anatoliens und des heutigen Griechenlands sind um ca. 1.200 vor Christus verschiedene Königreiche, Stadtstaaten und frühe Imperien entstanden.

Ägypten war die Großmacht jener Zeit. Die Grenzen erstreckten sich entlang der mediterranen Küste, über den Sinai bis nach Anatolien. Der Nil ermöglichte mit seinen regelmäßigen Überschwemmungen einen ertragreichen Ackerbau, indem man die Felder planbar düngen und bewässern konnte. Die Fähigkeit eine große Bevölkerung zu ernähren, war eine der zentralen Voraussetzungen, um ein großes Handelsnetzwerk aufzubauen, eine zentralisierte Bürokratie zu schaffen, ein starkes Militär zu erhalten und eine komplexe Religion auszubilden. Zudem diente der Nil als wichtiger Kommunikations- und Transportweg zwischen allen großen ägyptischen Städten. Abseits des Nils verfügte Ägypten im Süden durch die Eroberung des Königreichs Kush über große Goldvorkommen.

Die zweite Großmacht dieser Zeit sind die Hethiter. Sie kontrollierten einen großen Teil des heutigen Anatoliens und Zypern. Die Hethiter waren eine militärische Gesellschaft, die zwei der wichtigsten Rohstoffe der damaligen Zeit kontrollierten. Dies waren Zinn und Kupfer, die beiden Bestandteile aus denen Bronze hergestellt wird. Kupfer hatten sie im Überfluss durch zypriotische Mienen. Zinn konnten sie aus Europa und dem heutigen Afghanistan importieren. Um die Handelsrouten offen zu halten, war aber ein ständiges militärisches Ringen mit den Nachbarn nötig. Dies brachte sie auch in Konflikt mit den Ägyptern. Der älteste bekannte Friedensvertag, wurde zwischen diesen beiden kurz vor dem bronzezeitlichen Kollaps geschlossen.

Wahrscheinlich, weil beide den Druck durch die Assyrer spürten. Diese drängten nach Westen, um Zugang zum Mittelmeer zu erhalten. Die Assyrer waren für ihre Textilen bekannt und bauten ein großes Handelsnetz in Anatolien auf. Die Gesellschaft war feudal strukturiert und wurde von einem König regiert. Der Tigris und der Euphrat boten ein fruchtbares Gebiet für eine ergiebige Landwirtschaft.

Zum Schluss kommen wir noch zu den Mykener. Diese sind die Urgriechen, die sich vom südlichen Griechenland bis nach Kreta ausbreiteten, wo sie die Minoer besiegt hatten. Sie hielten die Handelsnetzwerke am Laufen und stellten das antike Industriezentrum dar, welches Rohstoffe importierte und Fertigprodukte exportierte. Unter ihnen befanden sich auch viele Künstler.

Nach den großen Zivilisationen sollten wir uns das Metall ansehen, dem diese Zeit seinen Namen verdankt. Bronze war das Erdöl jener Zeit. Aus Bronze wurden zum Beispiel Werkzeuge, Waffen oder Schmuck hergestellt. Auch wurden Zeugnisse gefunden, dass die Bronzebaren teilweise als Zahlungsmittel dienten. Keine der Zivilisationen hatte Bronze zur alleinigen Verfügung. Was zum Aufbau eines umfangreichen Handelsnetzwerkes führte, welches neben Bronze auch Lebensmittel und viele weitere Güter einschloss. Dieser internationale Handel im großen Stil berührte alle Lebensbereiche und ermöglichte einen hohen Lebensstandard sowie die Ausbildung einer komplexen Arbeitsteilung. Beides beförderte den Frieden und die Prosperität.

Um die angesprochenen Entwicklungen besser verstehen zu können, schauen wir uns das Wechselspiel aus Technologien, sozialen Strukturen und politischen Entscheidungen am Beispiel von Ägypten etwas genauer an.

Ägypten hatte als Regierungsform eine straffe zentralistische Hierarchie ausgebildet. An der Spitze stand der Pharao, absteigend gefolgt von den Priestern, Soldaten, Schreibern, Händlern, Handwerkern und Bauern. Die Ökonomie des Landes war als Planwirtschaft organisiert. Von der Herstellung von Olivenöl über den Bergbau bis zum Ackerbau wurden alle ökonomischen Prozesse von Regierungsvertreten geplant, erfasst und kontrolliert. In der Landwirtschaft bedeutete dies einen koordinierten Bau von Bewässerungsgräben und eine abgestimmte Bepflanzung der Felder. Dies sicherte die angesprochenen ertragreichen Ernten, welche eine Voraussetzung waren, dass sich Spezialisten wie Handwerker, Schreiber, Soldaten, Priester und Adelige ausbilden konnten. Diese Arbeitsteilung führte dann zur Generierung von noch mehr Wohlstand und war der Ausgangspunkt für technische und kulturelle Innovationen.

Dies können wir am Beispiel von zwei Gruppen dieser Spezialisten (Soldaten, Schreiber) besonders gut sehen. Beginnen wir mit den Soldaten. Die wichtigste damalige Waffe war der Streitwagen. Alle großen Zivilisationen verfügten über diese Technologie. Ihr Einsatz war aber sehr kostenintensiv, da zum einen die Waagen laufend gewartet werden mussten und zum anderen die Soldaten ein jahrelanges Training durchlaufen mussten, um einsatzfähig zu sein. Die Schreiber waren für die Verwaltung des zuvor beschriebenen Wirtschaftssystems unentbehrlich. Auch ihr Einsatz setzte eine jahrelange Ausbildung voraus, welche kostenintensiv war. Beide Gruppen konnten durch die Bauern ernährt und den steigenden Wohlstand finanziert werden.

Mit der Zunahme der Komplexität wurden die Politik, die Landwirtschaft und die Spezialisten immer ausdifferenzierter und dabei stärker miteinander verwoben. Das gesamte System wird dadurch paradoxerweise gleichzeitig leistungsfähiger und fragiler.

Welche Gründe könnten nun für den bronzezeitlichen Kollaps verantwortlich sein?

Eine frühe Theorie besagte, dass die Zerstörung auf ein mysteriöses Seevolk zurückzuführen sei, welches in ägyptischen Inschriften erwähnt wird. Dieses hat selbst keine Zeugnisse hinterlassen und ist nach dem Kollaps auch wieder verschwunden. Archäologen haben mittlerweile mindestens neun verschiedene Gruppen ausgemacht, die beteiligt sein dürften. Manche glauben auch, dass Seevolk könnte über den Vorteil von Eisenwaffen verfügt haben, dies lässt sich aber archäologisch nicht untermauern. Ebenfalls steht noch im Raum, dass die eigenen Bevölkerungen revoltiert haben könnten. Die entscheidende Frage ist aber nun, war das Seevolk ein Symptom oder die Ursache des Kollapses. Unabhängig, ob es sich um interne oder externe Angreifer handelte, es bräuchte einen Grund, warum diese nach mehreren 1.000 Jahren einen Angriff riskiert haben sollten. Hinzukommt, dass die Angreifer teilweise von den eignen Familien begleitet wurden. Das Seevolk scheint also eher ein Symptom, als die Ursache gewesen zu sein. Die Theorie war wahrscheinlich lange beliebt, weil sie das menschliche Bedürfnisse nach einer einfachen mechanischen Lösung befriedigte. A passiert und es folgt B. Die Plünderer kommen und zerstören die großen Zivilisationen. Aber wie gesagt, waren sie sehr wahrscheinlich ein weiteres Symptom, das durch eine Schwäche der großen Zivilisationen erst angezogen wurde.

Naturkatastrophen in Form von Erdbeben kommen ebenfalls in Frage. Viele der damaligen Städte lagen entlang von Erdbebenhotspots, welche den angestauten Druck alle 400 bis 500 Jahre in massiven Erdbebenwellen entladen. Viele Ruinen zeigen auch deutliche Spuren von Erdbebenschäden und keine Schäden, die durch eine Belagerung entstanden wären. Merkwürdig ist nur, dass die Menschen nach den Erdbeben nicht zurückgekehrt sind und alles wiederaufgebaut haben. Normalerweise kehren Menschen nämlich aus den Ausweichgebieten zurück, wenn sich alles beruhigt hat. Dies taten sie in diesem Fall nicht.

Krankheiten sind ebenfalls eine Möglichkeit. Diese lassen sich im Moment archäologisch nicht nachweisen, aber auch wenn sie nur schwer beweisbar sind, gilt es als wahrscheinlich, dass auch sie eine Folge aus den Umwälzungen waren.

Bleibt noch als möglicher Auslöser eine Dürre. Eine Dürre lässt sich anhand der Funde am besten absichern. Eine Dürre könnte auch gut der Auslöser aller vorhergenannter Punkte sein. Dürre lässt Menschen auf Wanderschaft gehen, wodurch sie in Konflikt mit anderen Menschen geraten. Es kommt aufgrund der Versorgung zu Streitigkeiten. Eine schlechte Ernährung aufgrund von Ernteausfällen bedeutet mehr Krankheiten. Dies führt zu weniger Steuereinahmen. Wodurch man seine Armeen nicht mehr bezahlen kann, um Invasionen zurückzuschlagen. Ohne die nötigen Ressourcen können Städte nach einer Katastrophe nicht mehr aufgebaut werden. Was zu Revolten der eigenen Bevölkerung führen kann, wenn diese ihr Vertrauen in die Anführer verlieren. Aber wenn es die Dürre war, warum haben die Menschen dann Jahrhunderte gebraucht, um sich zu erholen, warum war die Zerstörung so komplett? Dies wird von Experten immer noch diskutiert.

Eine Theorie, die in diesem Zusammenhang hilfreich sein könnte, ist die „Theory of System Collapse“ von Joseph Tainter. Im Kern besagt sie, dass Gesellschaften ihre Komplexität erhöhen, um Probleme zu lösen. Um zum Beispiel die Hygiene zu verbessern, installiert man ein Abwassersystem. Die Lösung jedes Problems ist aber mit andauernden Kosten verbunden. So braucht es in diesem Fall jemanden, der das Abwassersystem funktionstüchtig hält. Wenn Gesellschaften demnach wachsen, erhöhen sich auch die Kosten ihrer Erhaltung. Unter normalen Umständen kann eine Gesellschaft dies gut stemmen, weil mit besseren Methoden, neuen Technologien oder Handelsbeziehungen auch die Effizienz gesteigert werden kann. Hinzukommt, dass die Lösung eines Problems häufig Ressourcen freisetzen kann, um neue Probleme zu lösen.

Einer komplexeren Gesellschaft stehen damit immer größere Ressourcen zur Verfügung, um auftretende Schwierigkeiten zu bewältigen. Dies funktioniert solange, bis sie diese eben nicht mehr bewältigen kann. Ein Kollaps kann dann auf zwei Arten eintreten …

  1. Bei einem langsamen Kollaps übersteigen die Kosten der Wartung des Systems irgendwann die Leistungsfähigkeit des Systems. Diese Gesellschaften können aber nicht einfach auf ein niedrigeres Level zurückfahren, weil dies noch größere Kosten verursachen würde, wenn bisherige Probleme nicht mehr gelöst werden würden. Dies kann man zum Beispiel beim römischen Imperium beobachten. Die Römer haben immer weiterexpandiert, um den inneren Frieden mit eroberten Gütern sicherzustellen. Irgendwann waren die Kosten zum Halten bzw. das Neuerobern von Gebieten teurer, als der Nutzen der damit generiert werden konnte. Die Römer konnten die Expansionen aber nicht mehr einfach zurückfahren, weil der innere Frieden dann nicht mehr gewahrt werden hätte können. Nachdem sie dies, in Verbindung mit äußerem Druck, nicht auflösen konnten, ist der westliche Teil des Imperiums kollabiert.

  2. Wenn eine Serie von großen Problemen (z.B.: Nahrungsknappheit, Krankheiten, Kriege, Katastrophen) alle zum selben Zeitpunkt einschlagen und eine Gesellschaft komplex genug ist, dass es äußerts teuer wäre, sich um diese alle zur gleichen Zeit zu kümmern, hat die Gesellschaft keinen Plan B, da ihre sämtlichen Systeme zu sehr miteinander verzahnt sind. Sie können dann keines ihre Systeme aufgeben, um Probleme in einem anderen Bereich zu lösen. Die Verzahnung wird dann eine Schwäche, die zum Kollaps führt.

Diese zweite Variante dürfte wahrscheinlich beim bronzezeitlichen Kollaps eingetreten sein. Zum Beispiel könnte es zu einem schleichenden jährlichen Rückgang des Ernteertrags gekommen sein. Dies führte zur Verknappung von Nahrung, während es gleichzeitig zu einer Reihe von heftigen Erdbeben kam. Die Reserven schwanden. Es kam dann zu ersten Unruhen und das Seevolk startete erste Plünderungen. Dieses war vielleicht selbst auf der Flucht. Diese Entwicklungen schwächten den Handel, der langsam zum Erliegen kam. Chaos machte sich zunehmend breit und die internationalen diplomatischen Systeme, die die Stabilität solange gewahrt hatten, wurden zurückgefahren. Alle schauten nur noch auf sich selbst. Die Heere der großen Zivilisationen waren auf große Feldschlachten ausgelegt. In den vielen kleinen Kämpfen wurden die nur schwerersetzbaren Truppen immer mehr aufgerieben. Die Plünderungen nahmen immer weiter zu. Was die Nahrungsknappheit verschärfte und das Ausbrechen von Krankheiten begünstigte. Die Menschen begannen ins Landesinnere und in abgelegene Bergregionen zu fliehen. Am Ende brach der Handel und damit die komplexen Lieferketten für Nahrung, Waffen und Werkzeuge zusammen. Die zentralen Autoritäten fielen wie Dominosteine und mit ihnen die zuvor beschriebene Planwirtschaft inkl. organisierter Landwirtschaft. Nachdem es nichts mehr zu plündern gab, verschwand auch das Seevolk. Assyrien und Ägypten waren nicht vollkommen gefallen, aber mit einer zerstörten Welt rundherum, waren sie ebenfalls im Schwinden begriffen. Der Wiederaufbau würde hunderte Jahre benötigen.

Wie gesagt, ist dies nur ein mögliches Szenario. Über den genauen Hergang wird von Experten bis heute debattiert. Es zeigt aber, wie die komplexen ineinandergreifenden Systeme unter den vielen gleichzeitigen Problemen kollabiert sein könnten.

In einem ersten Reflex könnte man nun sagen, wir sollten auf komplexe Systeme verzichten. Dies wäre aber kurzsichtig. Die Zivilisationen der Bronzezeit haben gerade aufgrund ihrer Komplexität die Errungenschaften erbracht, die uns heute noch faszinieren. Ohne diese Komplexität würden wir direkt im nachfolgenden dunkeln Zeitalter landen. Der Kollaps ereilte die Zivilisationen auch nicht, weil ein System plötzlich ausfiel, sondern weil es wahrscheinlich mehrere große Erschütterungen gleichzeitig gab. Ein primitiveres System wäre schon bei einer zusammengebrochen. Die Komplexität versetzte die Zivilisationen in die Lage, eine stärkere Resilienz aufzubauen. Zum Beispiel indem sie in den Jahren zuvor Kornreserven angelegt hatten. Komplexe Zivilisationen können mit einzelnen Schocks viel besser umgehen - können aber in Gefahr geraten, wenn mehrere große zugleich eintreten.

Ähnlichkeiten von damals mit heute sind nicht zu übersehen. Wir sind ebenfalls mit Klimawandel, Katastrophen, Krankheiten und Terrorismus konfrontiert. Unser CO2-Ausstoß hat einen negativen Einfluss auf unser Klima. Die Lehman Brothers Pleite hatte Einfluss auf den europäischen Arbeitsmarkt. Covid 19 legt gerade eine Diskussion über unsere relevanten Systeme offen. Konflikte in Krisengebieten führen zu Fluchtbewegungen. In den letzten 3.000 Jahren sind unsere Systeme aber auch um einiges differenzierter und stabiler als die damaligen geworden. Uns stehen mehr Ressourcen zur Verfügung. Wir können heute Schocks managen, die frühere Generationen nicht überstanden hätten. Unsere Systeme sind deshalb aber nicht immun und es besteht immer die Gefahr, dass wir selbst mehr Probleme generieren, als wir lösen können. Die angesprochenen Probleme sind global und müssen daher auch global gelöst werden. Sowie unser Effizienzdenken nicht dazu führen sollte, dass wir alle Sicherungen abbauen oder in autoritäre Lösungen verfallen.


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