Denkrahmen und Lösungswege

Denkrahmen und Lösungswege

Wie Albert Einstein schon schrieb, bestimmt die Theorie, was wir beobachten können.

Das gilt auch für unsere Alltagswahrnehmung, die durch unsere gelernten Denkmuster bedingt wird.

Je nach Blickwinkel, schließen wir bestimmte Dinge ein und aus, was zu unterschiedlichen Analysen der Welt führt.

Diese Analysen bedingen dann verschiedene Handlungsweisen.

#leanmagazin
am 09. 05. 2016 um 16:07 Uhr in LeanMagazin von Dr. Thomas Zabrodsky


Wir bilden über die Zeit eingeschliffene Denkraster und Arbeitsweisen heraus, die bei schnellen oder ähnlichen Entscheidungen sehr nützlich sein können, doch bergen sie auch die Gefahr, die Prozesse und das Lernen in Organisationen zu hemmen.

Holger Dambeck führt in seinem Buch „Je mehr Löcher, desto weniger Käse“ folgendes Beispiel aus der Schule von Hartmut Spiegel und Christoph Selter an.

In einer Klassenarbeit müssen Schüler der 4. Klasse folgende Aufgabe lösen. „Der Apotheker fühlt 1,750 Kilogramm Salmiakpastillen in Tüten zu je 50 Gramm. Wie viele Tüten erhält er?“ Die meisten von uns würden wohl 1.750/50=35 rechnen. Annika hingegen rechnete folgendermaßen:

Versuchen sie vielleicht selber kurz zu überlegen, wie die Schülerin gerechnet hat.

Nachdem sich die drei Lehrkräfte keinen Reim machen konnten, sollte Annika am nächsten Tag dieselbe Rechnung noch einmal an der Tafel vorrechnen. Sie kam wieder auf dasselbe Ergebnis. Daraufhin wendet sich die Lehrerin an die Klasse und fragte, ob jemand das Ergebnis erklären könnte.
Ein anderer Schüler erläuterte dann: 100g sind zwei 50-g-Tüten, 700g also 2×7=14 Tüten. Die fehlenden 50g der 750g stecken in der Rechnung 1×1=1. Fehlen noch 1000g, und da sind es 2×10=20 Tüten. Zusammen sind es dann 35 (14+1+20) Tüten.

Annika hatte also Recht, auch wenn ihr Rechenweg etwas unorthodox ist. Er ist aber vernünftiger, organisierter und intelligenter als viele Erwachsene zugeben würden.

Was wäre nun passiert, wenn die Lehrerin die Antwort einfach durchgestrichen, null Punkte gegeben und ihren effizienten Lösungsweg hingeschrieben hätte. Es hätte wohl kaum Annikas Interesse oder Freude an der Mathematik erhöht. Im Gegenteil hätte sie vielleicht an Selbstvertrauen verloren und wenn dies öfters vorkommt, später als Erwachsene gesagt, dass sie nie gut mit Zahlen war.

In vielen Unternehmen passiert dies aber ständig.

„Schau, so geht es richtig!“ „Das ist viel zu umständlich!“ „Ich habe 40 Jahre Erfahrung – das klappt nie!“ Dies ist ein sicherer Weg, um Menschen das selbstständige Denken abzugewöhnen.

Was sich dann auch auf Gruppenentscheidungen auswirkt, weil Menschen mit Selbstzweifeln lieber schweigen, als die Harmonie der Gruppe zu stören. Wenn damit ein kritisches Nachfragen fehlt, bestätigen sich die Beteiligten dadurch bei möglichen Fehlern gegenseitig. Viele Vorgesetzte, die selbstständiges Denken einfordern, verunmöglichen dieses oft durch ihr eigenes Verhalten selbst, indem sie z.B. in Besprechungen zum Monologisieren neigen und die oberen Stehsätze verwenden.

Genauso können ein bloßes „ja“ oder „nein“ die Lern- und Entwicklungsprozesse in einer Organisation nur wenig fördern sowie sie das selbstständige Denken nicht anregen. Darum ist es entscheidend, sich mit den Gedanken hinter den Lösungen zu beschäftigen.
Annika hatte richtig gerechnet. Sie hätte aber auch Pech haben und einen kleinen Multiplikationsfehler machen können. Bei einem bloßen „falsch“ hätte dieser Fehler dann die richtigen Gedanken in den Hintergrund gedrängt. Sie hätte dann weder aus dem gemachten Fehler lernen können, noch viel Motivation gehabt, es wieder zu versuchen.

In einem dynamischen Arbeitsalltag können wir nicht ständig alles neu ergründen.

Wenn wir aber auf Lösungswege stoßen, die nicht unserem Denkmuster entsprechen, sollten wir diese nicht einfach wegwischen, sondern uns auch mit dem warum beschäftigen.
Unser Umgang mit diesen Lösungswegen bestimmt nämlich die Lern- und Prozessfähigkeit der gesamten Organisation mit.


Kommentare

Bisher hat niemand einen Kommentar hinterlassen.

Kommentar schreiben

Melde Dich an, um einen Kommentar zu hinterlassen.

Teilen

Ähnliche Inhalte

Hier findest Du weitere Inhalte zu dem von Dir gewählten Thema. Bei diesen Vorschlägen handelt es sich um eine Auswahl an Inhalten, welche wir insgesamt für Dich auf der LeanBase zur Verfügung stellen.

Strategiegespräch - Folge 9

Strategiegespräch - Folge 9

Podcast auf LeanPublishing
am 10. 06. 2018 um 15:06 Uhr
Kanal: Interview mit Dr. h.c. Any Nemo

Das folgende Interview bzw. die haarsträubende Beschreibung einer Vorstandssitzung zur Strategie im erweiterten Führungskreis bei WMIA Inc., dem größten und mehr oder weniger...

Fragen Sie sich auch immer mal wieder, warum das mit Lean nix wird?

Fragen Sie sich auch immer mal wieder, warum das mit Lean nix wird?

Beitrag auf LeanPublishing
am 12. 02. 2020 um 01:00 Uhr
Kanal: LeanMagazin

Geht Ihnen auch so, Sie verstehen ganz genau was an den Prozessen in Ihrer Organisation so richtig schief läuft? Und haben Sie nicht schon ganz oft in zig Meetings mit „allen Kolleginnen und...

ERP-MousePad

ERP-MousePad

Belohnung auf LeanOnlineAcademy
250 Punkte
Lean Production trifft Industrie 4.0

Lean Production trifft Industrie 4.0

Podcast auf LeanPublishing
am 07. 10. 2018 um 15:54 Uhr
Kanal: LATCSpeakerInterview

#LATC2019SpeakerInterview mit dem Lean IT-Spezialist: Jochen Schumacher Jochen Schumacher und seine Kollegen von Perfect Production sind der Meinung, dass Lean Production Experten der...

Cardboard Engineering

Cardboard Engineering

Beitrag auf LeanPublishing
am 13. 02. 2020 um 12:02 Uhr
Kanal: LeanMagazin

Potentialentfaltung und Gestalten von Arbeitssystemen

Lean im Rahmen integrierter Managementsysteme

Lean im Rahmen integrierter Managementsysteme

Podcast auf LeanPublishing
am 03. 02. 2019 um 14:16 Uhr
Kanal: LATCSpeakerInterview

#LATC2019SpeakerInterview mit Thomas Mück | Bereichsleiter der Akademie WÜRTH - Adolf Würth GmbH & Co. KG „Lean als Projekt funktioniert einfach nicht. Ein Projekt hat einen formellen...

Krankenhäuser bauen keine Autos - oder warum Patienten auf kein Fließband passen!

Krankenhäuser bauen keine Autos - oder warum Patienten auf kein Fließband passen!

Podcast auf LeanPublishing
am 16. 10. 2018 um 20:25 Uhr
Kanal: LATCSpeakerInterview

#LATC2019SpeakerInterview mit dem Autor, Coach & Organisationslehrer: Jörg Gottschalk Seit mehr als 10 Jahren beschäftigt sich Jörg Gottschalk vom Nordstern Institut Berlin intensiv mit dem...

25 Jahre nach der Ersterscheinung von „The Machine that Changed the World“

25 Jahre nach der Ersterscheinung von „The Machine that Changed the World“

Beitrag auf LeanPublishing
am 16. 12. 2016 um 13:45 Uhr
Kanal: LeanMagazin

Die älteren unter Ihnen werden sich sicherlich noch gut erinnern können, als das Buch der Bücher in Sachen Lean erschien. Grundlage war eine Studie darüber, was die Unterschiede...