Wer wohl den Gong hört - Folge 71

Wer wohl den Gong hört - Folge 71

Los Straneros, die Stadt, in der WMIA Incorporated seinen Verwaltungssitz hat, ist modern. Modern heißt vom Zeitgeist gestaltet und der ist ... na ja, sagen wir mal … eher nüchtern, manchmal auf den Zweck reduziert, effek-tiv heißt das ja in der Arbeitswelt oder wie war das nochmal … irgendwas mit digi … aber wir schweifen ab ...

#WMIA
Podcast, am 10. 06. 2018 um 16:54 Uhr in Interview mit Dr. h.c. Any Nemo von Kurt August Herrmann Steffenhagen


In allen Städten, jedenfalls den meisten dieser vom Reißbrett in den Himmel geschossenen Art finden sich fast vergessen kleine, alte Gebäude, Symbole einer anderen parallelen Welt, kleine Kirchen zum Beispiel, eingequetscht zwischen der Moderne mit der Anmutung kauernd, betender alter, schwarz gekleideter Weiber vor den weißen Häusern auf einer entlegenen Insel im Mittleren Meer und dabei – und vielleicht deshalb – umso mehr leuchtend wie Sterne. So eine Kirche gibt es auch in Los Straneros, sie heißt Chiesa della Consolazione, die Kirche des Trostes.

Der Interviewer ist auf dem Weg zu Dr. Nemo und während er im Fahrstuhl sich auf den 126. Stock des Gebäudes, dorthin, wo der Vorstand residiert, bewegt, kommt ihm eine Idee. Wir werden hören, was gleich geschieht.

Nemo: „Hi, welcome in the New World“. Das ist Nemos neuer Gag. Er ist ganz begeistert von den Möglichkeiten dieser Neuen Welt. Er nennt sie World Punkt 4. Er ist wie im Rausch und würde man sprachlich platt werden, könnte man ihn besoffen nennen, so trunken, dass er nur noch zählen kann wie ein später Gast an der Hotelbar … bis vier und weiter… Es ist das Weiterzählen, was er für Fortschritt hält, ohne wesentlichen Inhalt, Hauptsache Punkt 4 und weiter. Wie der Zug der Zeit, der unter seinen Rädern alles zermalmt und würden Menschen auf die Schienen fallen, er zerteilte sie und trennte Kopf und Bauch.

Der Interviewer atmet einmal tief durch und sagt: „Herr Dr. Nemo, lassen Sie uns mal eben in die kleine Kirche von Los Straneros gehen, Sie kennen sie ja.“

Nemo stutzt.

Nemo:“ Ok, warum nicht?“ Die Frage nach dem „Warum“ stellte er nicht. Der Interviewer hätte es ihm auch nicht erklärt. Die Kirche, also nicht als Institution, sondern als Platz einer Innerlichkeit, im Verhältnis zum Vorstandsbüro eine andere Welt, noch nicht einmal eine Antipode, sondern einfach gesagt, sie ist eben anders. So anders, dass die Welt der Ratio, die so gerade und stringent wie die Nadelstreifen auf den Anzügen der Oberen dieser Welt verläuft, damit nichts anfangen kann … außer zu Weihnachten, wenn sich über Gefühl und Andacht eine lamettageschmückte Rührseligkeit legt.

Der Interviewer und Dr. Nemo betreten die Kirche. Nemo hat die Brille auf, jene mit der Augmented Reality, der neue Verkaufsschlager bei WMIA Incorporated und der vermeintliche Beginn eines neuen Zeitalters der Welt und der Wirklichkeit.

Nemo schaut auf das Kreuz, das Symbol christlichen Glaubens.

Nemo: „Das Kreuz besteht aus Pinienholz, der Künstler hieß Giovanni Michelo, die verwendeten Farben …“ Und so weiter … er liest vor, was ihm seine Brille zeigt und er könnte auch auf einer Ausstellung alter Automobile stehen und die technischen Daten vorlesen. Die Brille kann das ja.

Dann fällt sein Blick auf eine weiß gekleidete Dame, die ganz allein im Kirchengestühl sitzt.

Nemo: „Alter 55 Jahre, geboren in Neapel, derzeit Künstlerin, Ausstellungen in Barcelona und Paris, Preisträgerin der Académie des Beaux-Arts, ehemals Zigarettenschmugglerin, seit 30 Jahren verheiratet mit …“ Hier unterbricht Nemo.

Stille.

Die Dame bemerkt die Zaungäste der Andacht und wendet ihren Kopf zu Nemo und dem Interviewer.

Fortunata, so ist ihr Name – zur Erinnerung: Fortunata ist Nemos Frau seit 30 Jahren -: „Buongiorno amore!“

Nemo ist fassungslos.

Fortunata geht auf ihn zu und nimmt ihm die Brille ab und sagt: „The world is not enough, your world, amore!“

„Was soll das nun wieder?“, denkt der Interviewer.

Dann geben sich Fortunata und Nemo die Hände und gehen schweigend aus der Kirche.

Derweil – Nemo und Fortunata waren schon entschwunden – spielt jemand auf der Empore die Orgel der Kirche.

Der Interviewer schaut hinauf.

Es ist Elvira, im roten Kleid, eine wahre Lady in Red und während sie die Tasten dieser alten Orgel mit ihren schlanken, durchsichtig erscheinenden Fingern streichelt, hört er sie einen Song von Michael Jackson etwas abgewandelt singen:

We can’t go on
pretending day by day
That someone somewhere
will soon make a change

We’re all a part of a great big family
And truth, may be
you know,
we know
Is in the poetry of our hearts

Der Interviewer geht allein aus der Kirche.

Die Kirchentür hinter ihm fiel mit einem „Rums“ wie ein Gong ins Schloss.

Zurück auf der Strasse von Los Straneros.

Ob Nemo den Gong gehört hat und was mit ihm passiert nach diesem Morgen, erfahren wir wie immer am nächsten Dienstag …


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