Verkauf - Folge 8

Verkauf - Folge 8

Im Folgenden hören Sie die Mitschrift eines weiteren Interviews mit dem CEO der WMIA Inc., Herrn Dr. h.c. Any Nemo zum Thema „Verkauf“.

Man ist im Vorstandsbüro von WMIA Incorporated, dem größten und mehr oder weniger erfolgreichsten Unternehmen der Welt.

#WMIA
Podcast, am 10. 06. 2018 um 15:05 Uhr in Interview mit Dr. h.c. Any Nemo von Kurt August Herrmann Steffenhagen


Man ist im Vorstandsbüro von WMIA Incorporated, dem größten und mehr oder weniger erfolgreichsten Unternehmen der Welt.

Dr. Nemo, leicht gebräunt vom Kurzurlaub winkt dem Interviewer freundlich zu und lädt ihn ein, auf dem neu angeschafften Louis XIV Stuhl Platz zu nehmen. Neu im Büro ist ein ebenfalls antiker kleiner Tisch, extra für den Besucher, der zwölfmal mit transparentem Klavierlack zum Preise eines Kleinwagens behandelt wurde und auf dem sich ein normaler Mensch noch nicht einmal trauen würde, ein Glas Wasser abzustellen… aber das Wasser-Thema kommt später.

In seiner rechten Hand hält er eine ungefähr zwei Meter lange von einem Nadeldrucker in kleine Schrift gedrückte Liste der letzten Verkaufszahlen. Mit seiner linken Hand führt er eine Lupe. Elvira sitzt auf der Fensterbank und bedient die auch sonst allgemein bekannte Rolle, von der das Papier abgespult wird und ist immer bereit, für den Fall, dass die Rolle reißt, mit durchsichtigem Klebeband alles wieder zu richten.

Schön, dass Sie da sind. Thema Verkauf liegt ja heute an. Ich habe gerade die Zahlen von jedem einzelnen meiner Großhandels-Verkäufer

Interviewer: „Sie arbeiten noch mit Nadeldrucker und Papier?“

Nemo schmunzelt: „Sie wissen doch… Nur was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost in den Safe tragen.“

Interviewer: „Erstellen Sie keine Statistiken?“

Nemo: „Ja klar, aber erst, wenn ich die echten Zahlen gesehen habe. Danach kreieren wir die Ergebnisse. Unser Statistikchef ist ein Meister seines Fachs. Seiner ursprünglichen Ausbildung nach war er ein sizilianischer Friseur mit Migrationshintergrund, den ich direkt seinerzeit von einer Straßenkreuzung wegengagiert habe, als er noch sein Geld mangels solider Arbeitserlaubnis wegen zwölf lächerlicher Vorstrafen mit Jonglieren verdiente. Ich bin ihm sehr dankbar, auf seinem feinen Zahlenwerk beruhte übrigens unser Börsengang, aber das ist ein anderes Thema.“

Wenn man bedenkt, wieviel Haare man so auf dem Kopf hat, bringen Friseure ja die besten Voraussetzungen mit, weiter als bis drei zu zählen, dachte der Interviewer, der sich freundlicherweise Mühe gab, diesen Einstellungskriterien zu folgen.

Nemo: “Schauen Sie mal,“ dabei zog er die Druckfahne mit sich und legte auf den klavierlackigen Mahagonitisch, „hier sind die Zahlen zu unserem Wasserverkauf!“

Dem Interviewer fiel ein, dass er auf dem Flughafen gerade 4 Euro Fuffzig für einen halben Liter Wasser bezahlt hatte, eine Menge, die noch nicht einmal den Namen „Pfütze“ oder „HohlerZahnFüllung“ verdient hätte.

Als hätte Dr. Nemo die Gedanken des Interviewers gelesen, sagte er:“ So banal es ist, es ist margenmäßig unser größtes Geschäft und auch hier sind wir Weltmarktführer!“

„Sie verkaufen Wasser?“

Ja, aber nicht irgendein Wasser. Wir haben das flüssigste Wasser der Welt. Das Argument verkauft sich gut. Für die Beschreibung der Analyse des Wassers auf dem Etikett haben wie einen alten Herrn aus Ägypten angestellt, der noch Hieroglyphenschrift beherrscht. Wir sind uns des Informationsbedürfnisses unserer Kunden durchaus bewusst.

Der Interviewer kann das mit den Hieroglyphen sofort nachvollziehen und spürt die Begeisterung Nemos für seine erfolgreichen Produkte. Elvira wickelt die Rolle mit den Zahlen auf und verstaut sie im Safe.

„Jetzt aber, junger Mann, kommt das Beste!“, schnarrte Nemo.

Nemo: „Stichwort „Einwandbehandlung“: Wenn einer unserer Kunden sagt, er trinke lieber Wein als Wasser, weisen wir darauf hin, dass unser Wasser aus der gleichen Quelle stammt, aus der Jesus bei der Hochzeit zu Kana sein Wasser bezog. Der Erfolg ist irre. Storytelling zieht so richtig. Aber wir setzen noch einen drauf.“

Nemo schaute den Interviewer stolz an … so ähnlich wie ein kleiner Junge, der gerade neun Bauklötzer übereinandergestapelt hatte.

Interviewer: „Gehen sie da nicht ein bisschen weit?“

Nemo: „Wissen Sie, der Zweck heiligt die Mittel und da sind wir sehr heilig“.

Er ging flink zu seinem Schreibtisch und zog eine PET-Flasche aus einer Schublade.

Nemo: „Wissenschaftler haben herausgefunden, dass es eine Direktleitung vom Hirn unserer Kunden in ihre Geldbörse gibt.“

Elvira verdrehte bei dem Wort „Wissenschaftler“ die Augen und räusperte sich.

Nemo: „Die Direktleitung hört auf den Namen „Wunderglaube“ und Heilige bewirken ja bekanntlich Wunder.“

Er hielt die PET-Flasche hoch. Auf dem Etikett war ein hagerer leicht bärtiger wassertrinkender Mann mit Heiligenschein abgebildet, der so aus sah wie jemand, der schon seit 2.000 Jahren nicht mehr lebt.

Nemo: „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte und ist es nicht wunderbar? Der Mann ist übrigens unser Marketingchef. So sieht man aus, wenn man fünf Marathons hinter sich hat.“

Nemo war so begeistert über sich und die Idee mit dem heiligen Wasser, dass er im Schwange seines sehr flüssigen, um nicht zu sagen überflüssigen Vortrags sein Wasserglas umriss. Elvira eilte herbei, zog aus ihrem eigentlich nicht notwendigen Wonderbra – auch dies ein Produkt von WMIA aus der Abteilung „Illusionen“ – mangels eines Schwamms die Schaumeinlage heraus und wischte den Fleck weg. Der Interviewer schaute mit anständigen Gedanken sofort zur Seite.

Irgendwie war das alles hier außer Rand und Band geraten… Erfolg macht scheint’s doch besoffen.

Elvira geleitete den Interviewer nach dem Gespräch wie immer zum Fahrstuhl. „Jetzt oder nie!“, dachte der Interviewer, „Elvira, darf ich Sie einmal interviewen?“

Elvira sagte zu.

Ihr „Ja“ zum Interview war dieses „Ja“, dessen Intonation nur Frauen beherrschen und das sich so anfühlt, als würde eine schöne Zukunft Dir am Ohr zupfen …oder auch nicht.

„Nächsten Dienstag, wie immer…“, sagte sie und der Interviewer nahm sich noch eine Flasche WMIA-Wasser… aus dem Kasten vor dem Fahrstuhl.


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