Das Jubiläum - Folge 47

Das Jubiläum - Folge 47

Zu seinem Ehrentag wünscht man sich ja schönes Wetter. In Los Straneros, dem Verwaltungssitz von WMIA Incorporated ist jeden Tag Sonnenschein. Auch an diesem Tag, dem Ehrentag von Dr. h.c. Any Nemo.
Es ist sein 50-jähriges Jubiläum bei WMIA Incorporated oder sollte man lieber sagen, der Jubeltag als CEO des weltgrößten Unternehmens.

#WMIA
Podcast, am 10. 06. 2018 um 15:58 Uhr in Interview mit Dr. h.c. Any Nemo von Kurt August Herrmann Steffenhagen


Das Interview findet heute etwas später am Nachmittag statt. Der Tag war gefüllt mit Reden, Prösterchen und Tschingderassassa.

Nemo hat den ganzen Tag nur Fassbrause getrunken, ein klarer Kopf muss sein und außerdem hält er sich strikt an die Regel „Kein Bier vor vier“.

Der Weg ins Vorstandsbüro ist für den Interviewer leicht zu finden. Ist er doch sozusagen garniert mit kleinen Glitzersteinchen. Sie hatten sich vom Kleid der bezaubernden Elvira gelöst. Zweitausend Glitzersteine schmückten ihr schlichtes „Schwarzes“. Nemo steht auf Glitzer und die Augen Elviras leuchten wie schwarze Diamanten.

Der Clown sitzt schon im Büro, ein Gläschen Schampus steht vor ihm. Für ihn gelten ja bekanntlich keine Regeln …

Er hat schon hart gearbeitet, musste er doch die Kinder unterhalten und die schlichten Gemüter der zweiten Führungsebene. War das ein Spaß, als er aus den Stellenbeschreibungen und dem Organigramm Konfetti machte…!

Nemo war bester Laune und ließ sich in seinen roten Chefsessel fallen. Es sah aus, als schaute er ins Leere, er wirkte nach innen gekehrt, nachdenklich und still. Das sind ja die besinnlichen Momente, die auch den härtesten Knochen überfallen, wenn er so ein Jubiläum hat. Vielleicht war er auch nur leer, vielleicht sentimental, wer weiß schon, was sich hinter der Stirn der Mächtigen tut.

Clown: „Wohin schauen Sie, Dr. Nemo?“

Nemo blinzelt, setzt sich gerade hin, zupft seine Krawatte, wischt sich einen Krümel der Jubiläumstorte vom Jackett und sagt … oder eigentlich wäre die Bezeichnung „er spricht“ der Situation, seiner Position als CEO und dem Tage angemessener… Also, er spricht: „Ich schaue nach vorn.“

Clown: „Wo ist vorne?“

Eigentlich wäre dieser Satz eine Steilvorlage für den Kalauer, den man CEOs gern in den Mund legt, nämlich: „Wo ich bin, ist vorne!“

Die Frage nach dem, wo vorne ist, ist jedoch interessant, wenn nicht sogar brisant. Bei Elvira zum Beispiel ist es natürlich egal, ob man sie nun von vorne oder von hinten anschaut, sie ist immer wie man im übertragenen Sinne sagt „eine runde Sache“ … wir brauchen das nicht zu vertiefen.

Nemo: „Die Zukunft ist vorne, da schaue ich hin.“

Clown: „Was sehen Sie?“

Der Interviewer schaut gespannt und fragt sich, ob man denn die Zukunft sehen kann. Behaupten tun das ja viele. Tatsächlich sehen kann man sie ja nicht, jedenfalls nicht mit den Augen.

Eigentlich ist der Blick in die Zukunft wie Sprücheklopfen. Den Satz allerdings spricht der Interviewer nicht aus, das könnte in den falschen Hals kommen und er befindet sich mit dieser Vermeidung von Erkenntnis in guter Tradition abhängig arbeitender „Denker“.

Nemo: „Ich sehe unsere Entwicklung, sehe den steigenden Shareholder Value, immer neue Produkte …

Elvira klatscht in die Hände.

Interviewer: „Mmmh …“

Der Clown fällt Dr. Nemo ins Wort: „Das sehen alle oder wollen es sehen.“

Nun zählt der Clown nicht zu den Sprücheklopfern, er ist eher ein Sprüchezerklopfer.

Clown: „Gäbe es keine Zukunft, also nur mal so gedacht, worauf würden Sie schauen?“

Nemo runzelt die Stirn.

Elvira erlaubt sich kichernd ein Späßchen. „Er würde auf mich schauen …“

Clown: „Nicht schlecht der Spaß. Da ist was dran an dieser Denke. Wo ein Rauch ist, ist auch ein Feuer.“

Nemo: „Soll ich nach hinten schauen, in die Vergangenheit? Das ist doch Schnee von gestern.“

Clown: „Das ist insoweit konsequent gedacht, wenn Sie das Leben als eine gerade Linie betrachten. Da gibt es dann nur hinten und vorn, gestern und morgen wie auf den Charts. Haben Sie Alternativen?“

Dem Interviewer fiel der berühmte Satz von Francis Picabia ein: „Der Kopf ist rund, damit das Denken seine Richtung ändern kann.“ Auch den Satz spricht er hier lieber nicht laut aus, jedenfalls legt er sich diesen Maulkorb selber auf … Zum runden Jubiläum würde der Satz jedoch passen …

Nemo: „Sie meinen, ich sollte auf das Wichtige schauen, nicht auf Charts?“

Clown: „Nicht schlecht!“

Nemo: „Was ist das Wichtige, was ist wichtiger als unsere Entwicklung und Zahlen?“

Interviewer fragt interessiert: „Was ist wichtiger als zum Beispiel Shareholder Value?“

Clown: „Vielleicht mal nach links und rechts schauen, sozusagen haarscharf neben das, was alle sehen!“

Nemo: „Ja, ja. Also kommen wir zum Punkt. Was meinen Sie mit auf das Wichtige schauen?“

Clown: „Das Wichtige liegt da, wo sie es nicht vermuten!“

Nemo: „Sie sprechen in Rätseln!“

Clown: „Das Wichtige springt nicht sofort ins Auge.“

Interviewer: „Doch!“, dabei schaut er Elvira hinterher.

Elvira wippt, anders kann man den Gang dieser Elfe nicht beschreiben, vorbei und holt ein Fläschchen Schampus.

Na ja, bevor die Unterhaltung dann doch noch tiefer geht, verschwindet Dr. Nemo wie üblich und Elvira geleitet den Clown und den Interviewer zum Fahrstuhl.

Elvira: „Was ist denn nun das Wichtige?“

Der Clown wischte sich seine Finger an der Hose ab. Sie waren fettig vom Lachskanapee und verabschiedet sich höflich von Elvira.

Was nun das Wichtige ist, werden der Interviewer, der Clown und Elvira beim nächsten Treffen mit Dr. Nemo klären.

Es bleibt spannend …


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