
Die KI-Euphorie und die vergessene Lektion von Industrie 4.0
Kaum eine Technologie hat in so kurzer Zeit so große Erwartungen geweckt wie die Künstliche Intelligenz. Vorstände verabschieden KI-Strategien, Unternehmen richten Kompetenzzentren ein und Beratungen sprechen von der größten Produktivitätsrevolution seit Beginn des Computerzeitalters. Wer heute nicht über KI spricht, gilt schnell als rückständig.
Die Dynamik erinnert an die Euphorie rund um Industrie 4.0. Auch damals schien die Richtung eindeutig. Vernetzte Maschinen, intelligente Fabriken und datengetriebene Prozesse sollten die industrielle Produktion grundlegend verändern. Deutschland wollte nicht weniger als Vorreiter einer neuen industriellen Revolution sein.
Zehn Jahre später fällt die Bilanz gemischt aus! Industrie 4.0 hat zweifellos Spuren hinterlassen. Fabriken sind digitaler geworden, Daten sind verfügbarer und technische Möglichkeiten haben sich erheblich erweitert. Der große Produktivitätssprung, den viele erwartet hatten, blieb jedoch in zahlreichen Unternehmen aus. Die Ursachen lagen selten in der Technologie selbst. Sie lagen vielmehr in der Annahme, Technologie könne strukturelle Defizite einer Organisation überwinden.
Genau diese Annahme prägt nun erneut die Diskussion über Künstliche Intelligenz.
In vielen Unternehmen richtet sich der Blick zunächst auf die Werkzeuge. Welche Anwendungen sollen eingeführt werden? Welche Tätigkeiten lassen sich automatisieren? Wo können Personalkosten reduziert werden? Wesentlich seltener wird gefragt, ob die zugrunde liegenden Abläufe überhaupt sinnvoll organisiert sind. Dabei entscheidet sich genau dort, ob aus technologischem Fortschritt tatsächlich wirtschaftlicher Fortschritt wird.
Künstliche Intelligenz kann Berichte schreiben, Analysen erstellen, Kundenanfragen beantworten oder Präsentationen vorbereiten. Sie kann Wissen schneller verarbeiten als jeder Mensch und Routinearbeiten in einem bislang unbekannten Ausmaß beschleunigen. Daraus wird häufig der Schluss gezogen, Unternehmen würden automatisch produktiver. Doch Produktivität und Wertschöpfung sind nicht dasselbe.
Ein Bericht, der mit Hilfe von KI in fünf Minuten statt in zwei Stunden erstellt wird, schafft zunächst lediglich dieselbe Information in kürzerer Zeit. Ob diese Information überhaupt benötigt wird, ob sie eine bessere Entscheidung ermöglicht oder ob sie am Ende ungelesen in einem digitalen Ordner verschwindet, bleibt davon unberührt. Die Beschleunigung eines Vorgangs beantwortet noch nicht die Frage nach seinem Nutzen.
Genau an diesem Punkt offenbart sich eine bemerkenswerte Konstanz unternehmerischen Denkens. Seit Jahrzehnten suchen Organisationen technologische Antworten auf organisatorische Probleme. Neue Systeme sollen Abstimmungsprobleme lösen, Software soll Komplexität beherrschbar machen und nun soll KI Ineffizienzen beseitigen, die häufig weit ältere Ursachen haben.

Der Reiz dieses Denkens ist nachvollziehbar. Technologie lässt sich kaufen, implementieren und präsentieren. Sie erzeugt Sichtbarkeit und vermittelt Handlungsfähigkeit. Die Auseinandersetzung mit Prozessen, Verantwortlichkeiten und Führungsstrukturen ist deutlich mühsamer. Sie stellt bestehende Routinen infrage und führt oft zu Konflikten, die sich nicht durch ein Software-Update lösen lassen. Deshalb wird die technologische Lösung häufig bevorzugt.
Die Erfahrung mit Industrie 4.0 hätte jedoch Anlass zu größerer Nüchternheit geben können. Viele Unternehmen investierten erhebliche Summen in Vernetzung, Sensorik und Datenerfassung. Häufig entstand dadurch eine bislang unerreichte Transparenz. Die eigentlichen organisatorischen Schwächen blieben jedoch bestehen. Daten waren verfügbar, Entscheidungen wurden trotzdem nicht schneller getroffen. Informationen lagen in Echtzeit vor, Prozesse blieben dennoch langsam. Technologie machte Probleme sichtbar. Gelöst wurden sie dadurch nicht automatisch.
Bei Künstlicher Intelligenz könnte sich dieser Effekt sogar verstärken. Anders als Industrie-4.0-Projekte lässt sich KI mit vergleichsweise geringem Aufwand in bestehende Abläufe integrieren. Die Eintrittsbarrieren sind niedrig, die Ergebnisse schnell sichtbar. Gerade deshalb besteht die Gefahr, Effizienzgewinne mit echter Verbesserung zu verwechseln. Denn nicht jede Tätigkeit, die beschleunigt wird, erzeugt automatisch mehr Wert.

Die entscheidende Wettbewerbsfrage der kommenden Jahre wird daher vermutlich nicht lauten, welche Unternehmen die leistungsfähigste KI einsetzen. Ähnliche Technologien werden nahezu allen Marktteilnehmern zur Verfügung stehen. Der Unterschied wird vielmehr darin liegen, wie konsequent Unternehmen ihre Organisation anpassen.
Wer KI lediglich auf bestehende Strukturen aufsetzt, wird kurzfristig effizienter arbeiten. Wer die Technologie zum Anlass nimmt, Prozesse, Entscheidungswege und Verantwortlichkeiten grundlegend zu hinterfragen, wird deutlich größere Vorteile erzielen.
Die wichtigste Lehre aus Industrie 4.0 lautet deshalb nicht, dass Unternehmen mehr oder weniger digitalisieren sollten. Sie lautet vielmehr, dass technologische Leistungsfähigkeit organisatorische Qualität nicht ersetzen kann.
Am Ende entscheidet nicht die Intelligenz der Software über den Erfolg eines Unternehmens, sondern die Qualität der Organisation, in der sie eingesetzt wird. Genau diese Erkenntnis ist alles andere als neu.
Bemerkenswert ist vielmehr, wie regelmäßig sie in Zeiten technologischer Euphorie vergessen wird.
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