Produzieren wir überhaupt das Richtige – zum richtigen Zeitpunkt?

Produzieren wir überhaupt das Richtige – zum richtigen Zeitpunkt?

Warum Unternehmen nicht an mangelnder Planung scheitern, sondern an der Illusion perfekter Planung.

27. Juli 2026 um 04:30 Uhr von Ralf Volkmer


Es gehört zu den großen Paradoxien moderner Produktionsunternehmen, dass ihnen heute mehr Informationen zur Verfügung stehen als jemals zuvor und sie dennoch immer häufiger Schwierigkeiten haben, genau das bereitzustellen, was ihre Kunden im entscheidenden Moment benötigen. Moderne ERP-Systeme berechnen Materialbedarfe, terminieren Fertigungsaufträge und koordinieren komplexe Lieferketten. Manufacturing-Execution-Systeme erfassen den Zustand von Maschinen in Echtzeit, digitale Shopfloor-Management-Systeme visualisieren Abweichungen unmittelbar in der Produktion und Business-Intelligence-Lösungen verdichten Millionen von Datensätzen zu übersichtlichen Kennzahlen. Hinzu kommen künstliche Intelligenz, Predictive Analytics und eine stetig wachsende Zahl spezialisierter Softwareanbieter, die versprechen, Produktionsplanung und Steuerung grundlegend zu verbessern. Betrachtet man allein die technischen Möglichkeiten, müsste industrielle Produktion heute planbarer sein als jemals zuvor.

Die Realität sieht jedoch häufig anders aus. Nahezu jeder Produktionsverantwortliche kennt die Situation, dass Maschinen mit hoher Auslastung arbeiten, die Lager gut gefüllt sind und dennoch genau das Bauteil fehlt, das für den dringendsten Kundenauftrag benötigt wird. Gleichzeitig befinden sich tausende andere Teile im Bestand, die aktuell niemand benötigt. Obwohl Unternehmen immer präzisere Planungswerkzeuge einsetzen und immer mehr Daten sammeln, gelingt es erstaunlich oft nicht, zur richtigen Zeit genau das Richtige bereitzustellen.

Die naheliegende Erklärung lautet häufig, dass die Produktionsplanung fehlerhaft gewesen sei oder die Datenqualität im ERP-System nicht ausgereicht habe. Beides mag im Einzelfall zutreffen. Es erklärt jedoch nicht das eigentliche Problem. Produktionsplanung kann immer nur so gut sein wie die Annahmen, auf denen sie basiert. ERP-Systeme arbeiten mit Stücklisten, Arbeitsplänen, Rüstzeiten, Lieferzeiten, Beständen und Bedarfsprognosen. Sie verarbeiten diese Informationen zuverlässig und berechnen daraus einen logisch konsistenten Produktionsplan. Was sie jedoch nicht beurteilen können, ist die Frage, ob diese Informationen die Realität tatsächlich noch zutreffend beschreiben.

Genau hier beginnt die eigentliche Herausforderung. In vielen Unternehmen entsprechen Arbeitspläne längst nicht mehr den tatsächlichen Abläufen. Rüstzeiten wurden vor Jahren aufgenommen und nie wieder überprüft. Lieferzeiten verändern sich, Maschinen fallen ungeplant aus, Material trifft verspätet ein, Personal steht kurzfristig nicht zur Verfügung und Kunden verändern ihre Abrufe teilweise innerhalb weniger Stunden. Jede einzelne dieser Abweichungen mag für sich genommen gering erscheinen. In ihrer Summe führen sie jedoch dazu, dass der ursprünglich optimale Produktionsplan immer weiter von der tatsächlichen Situation abweicht.

Bemerkenswert ist, dass viele Unternehmen auf diese Unsicherheit mit noch mehr Planung reagieren. Zusätzliche Software wird eingeführt, Dashboards werden erweitert, Kennzahlen verfeinert und digitale Shopfloor-Management-Systeme sollen für mehr Transparenz sorgen. Daran ist grundsätzlich nichts auszusetzen. Noch nie standen Führungskräften so viele Informationen zur Verfügung wie heute. Die eigentliche Frage lautet jedoch nicht, ob mehr Informationen vorhanden sind. Sie lautet vielmehr, ob diese Informationen auch zu besseren Entscheidungen führen.

Gerade hier bleibt die Wirkung vieler Digitalisierungsprojekte hinter den Erwartungen zurück. Nicht weil ERP-Systeme, Shopfloor-Management-Lösungen oder Business-Intelligence-Werkzeuge schlecht wären. Im Gegenteil. Sie liefern heute eine Transparenz, die früher kaum vorstellbar gewesen wäre. Das eigentliche Problem besteht häufig darin, dass neue digitale Werkzeuge auf Produktionssysteme treffen, deren grundlegende Steuerungslogik unverändert geblieben ist. Informationen werden schneller verfügbar, Entscheidungen erfolgen jedoch weiterhin entlang lokaler Kennzahlen, historischer Planungslogiken und starrer Produktionsprogramme. Digitalisierung macht Informationen schneller verfügbar. Sie verändert jedoch nicht automatisch die Qualität der zugrunde liegenden Entscheidungen.

Vielleicht liegt genau darin einer der größten Irrtümer moderner Produktionssteuerung. Wir glauben häufig, dass bessere Daten automatisch zu besseren Ergebnissen führen. Tatsächlich verbessern bessere Daten zunächst nur unser Modell der Realität. Die Realität selbst bleibt dynamisch. Sie verändert sich schneller, als jeder Produktionsplan es jemals vollständig abbilden kann.

Bereits Taiichi Ohno erkannte dieses Problem lange bevor Begriffe wie Industrie 4.0 oder künstliche Intelligenz existierten. Sein Ziel bestand nicht darin, die Zukunft möglichst exakt vorherzusagen. Vielmehr entwickelte er ein Produktionssystem, das sich konsequent am tatsächlichen Bedarf orientierte. Produziert werden sollte nicht das, was eine Prognose erwartete, sondern das, was der nachgelagerte Prozess oder der Kunde tatsächlich benötigte. Dahinter stand eine ebenso einfache wie tiefgreifende Erkenntnis: Je früher eine Produktionsentscheidung getroffen wird, desto größer ist das Risiko, dass sie zum Zeitpunkt ihrer Umsetzung bereits nicht mehr zum tatsächlichen Bedarf passt.

Diese Überlegung erhält durch die Arbeiten von Donald Reinertsen eine bemerkenswerte wissenschaftliche Ergänzung. Auf Grundlage der Warteschlangentheorie zeigt er, dass hohe Bestände und frühzeitig getroffene Produktionsentscheidungen zwangsläufig zu längeren Durchlaufzeiten führen. Jede Produktion, die vor dem tatsächlichen Bedarf erfolgt, erhöht zunächst den Bestand. Jeder zusätzliche Bestand verlängert die Zeit, bis ein Auftrag das Unternehmen wieder verlässt. Zeit wird damit selbst zu einer wirtschaftlichen Größe. Nicht die Bearbeitungszeit verursacht den größten Teil der Durchlaufzeit, sondern die Zeit, in der Arbeit auf ihre nächste Bearbeitung wartet.

Genau deshalb bezeichnete Taiichi Ohno die Überproduktion als die schwerwiegendste aller Verschwendungsarten. Nicht weil sie unmittelbar die höchsten Kosten verursacht, sondern weil sie nahezu alle anderen Verschwendungen nach sich zieht. Bestände entstehen, Transporte nehmen zu, Lagerflächen werden benötigt, Qualitätsprobleme werden später erkannt und vor allem beginnt Arbeit zu warten. Die eigentliche Verschwendung besteht nicht in der produzierten Menge, sondern darin, dass zum falschen Zeitpunkt produziert wird.

Auch Eliyahu Goldratt gelangte aus einer anderen Perspektive zu einer ähnlichen Schlussfolgerung. Er unterschied konsequent zwischen der Aktivierung einer Ressource und ihrem tatsächlichen Beitrag zum Unternehmenserfolg. Eine Maschine kann vollständig ausgelastet sein und dennoch Produkte herstellen, die im Augenblick weder der nächste Prozess noch der Kunde benötigt. Beschäftigung ist deshalb nicht automatisch Wertschöpfung. Entscheidend ist nicht, ob produziert wird, sondern ob die Produktion den Fluss durch das gesamte Unternehmen verbessert.

Vielleicht sollten wir deshalb eine der grundlegendsten Fragen neu stellen. Über Jahrzehnte lautete sie: Wie können wir unsere Produktion noch besser planen? Heute müsste sie häufiger lauten: Produzieren wir überhaupt das Richtige – zum richtigen Zeitpunkt?

Zwischen beiden Fragen liegt ein fundamentaler Unterschied. Die erste versucht, Unsicherheit durch immer detailliertere Planung zu beherrschen. Die zweite akzeptiert, dass Unsicherheit zum Wesen komplexer Produktionssysteme gehört, und richtet den Blick auf die Fähigkeit einer Organisation, sich schnell an veränderte Bedingungen anzupassen. Genau darin entscheidet sich heute die Wettbewerbsfähigkeit vieler Unternehmen. Nicht jene Organisation wird langfristig erfolgreicher sein, die den detailliertesten Produktionsplan erstellt. Erfolgreich wird vielmehr jene sein, die ihr Produktionssystem so gestaltet, dass es auch dann leistungsfähig bleibt, wenn der Plan längst nicht mehr zur Realität passt.

Unternehmen verlieren ihre Wettbewerbsfähigkeit deshalb nicht, weil sie zu wenig produzieren. Sie verlieren sie, weil sie zum falschen Zeitpunkt das Falsche produzieren.



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