Rückblick: LeanHospital 2025 in Salzburg

Rückblick: LeanHospital 2025 in Salzburg

Am 24. + 25. September fand unsere erste Veranstaltung „LeanHospital: Krankenhäuser bauen keine Autos - oder warum Patient:innen auf kein Fließband passen“ mit 70 Teilnehmenden in Salzburg statt. Ich bin noch immer beeindruckt – nicht nur von den insgesamt elf Vorträgen während der eineinhalbtägigen Veranstaltung, sondern auch von den vielen intensiven Gesprächen rund um das Programm.

28. September 2025 um 12:15 Uhr von Ralf Volkmer
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In den letzten 30 Jahren habe ich umfangreiche Erfahrungen mit Lean Management gesammelt – überwiegend in der Industrie, gelegentlich auch in anderen Branchen. Vor Corona durfte ich zudem in drei Kliniken Projekte begleiten. Krankenhäuser habe ich bislang als streng hierarchisch geprägt wahrgenommen, insbesondere zwischen den Berufsgruppen – Ärzteschaft, Pflege, Verwaltung. Dieses Bild wurde in Salzburg bestätigt, aber gleichzeitig erlebte ich einen überraschend ganzheitlichen Blick auf die Organisation, der über einzelne Abteilungen hinausging.

Führung und Kulturwandel

Cornelius Monroe Huber vom Kantonsspital Baselland zeigte, dass Lean im Krankenhaus nicht nur Werkzeuge meint, sondern vor allem Führung – auf allen Ebenen. Führungskräfte seien „Katalysatoren für Veränderung“, verantwortlich für Kulturwandel und dafür, Mitarbeitende mitzunehmen.

Lean über alle Bereiche hinweg

Jonas Gehrmann von der Steiermärkischen Krankenanstaltengesellschaft verdeutlichte, wie Lean Thinking bereits beim Krankenhausbau wirkt. Prozesse und Abläufe müssen schon in der Planung durchdacht werden, nur so entstehen Strukturen, die im Alltag wirklich funktionieren. Dr. Stefan Paech aus Südostbayern berichtete, wie das Shopfloor-Management anfangs große Verbesserungen brachte und wie die Lean-Journey unter „Einfach.Immer.Besser“ weitergeführt wird.

Vera Bremberger und Markus Hartmann aus Kufstein zeigten, dass Lean auch hinter den Kulissen wirkt – z. B. in der Logistik, beim Materialfluss oder der Dokumentation – und damit Patient:innenversorgung und Mitarbeitendenzufriedenheit verbessert.

Ärzt:innen als Schlüsselakteure

Dr. Kerstin Schubert machte deutlich, dass Ärzt:innen nicht nur Diagnostiker:innen und Behandler:innen sind, sondern zentrale Akteure in der Lean-Transformation. Geschäftsführer Jürgen Winter ergänzte, dass Lean gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten unverzichtbar ist – nicht nur als Effizienzprogramm, sondern als Investition in Qualität, Wettbewerbsfähigkeit und Zukunftsfähigkeit.

Standards, Digitalisierung und Logistik

Annette Bebersdorf von der BG Unfallklinik Murnau beleuchtete die Gratwanderung zwischen notwendiger Standardisierung und individueller Patientenversorgung: Standards sind kein Selbstzweck, sondern sollen Komplexität beherrschbar machen.

Stefani Grabow berichtete eindrucksvoll, wie ein digitales Assistenzsystem am Klinikum der LMU München den OP-Alltag revolutioniert hat – weniger Telefonate, klare Echtzeit-Visualisierungen, bessere Ressourcennutzung.

Michael Kazianschütz schließlich führte vor, wie Lean auch in der Krankenhauslogistik wirkt: Mit dem „Gesamtkonzept Logistik“ wird in Graz ein Rahmen geschaffen, der Lieferketten stabilisiert und #LeanLogistik als strategische Leitlinie etabliert.

Mensch im Mittelpunkt

Viele Vorträge unterstrichen, dass Lean immer wieder auf das Wesentliche zurückführt: den Menschen. OA Priv.-Doz. DDr. Harald Stefanits vom Kepler Universitätsklinikum betonte, dass Lean Clinical Management vor allem dazu da ist, Bürokratie abzubauen und wieder mehr Zeit für Patient:innen zu schaffen.

Manfred Kleist aus Solothurn schilderte, wie trotz Umzugs in ein viel größeres Spital mit mehr Betten – und ohne zusätzliches Personal – durch Lean klare Standards und motivierte Teams geschaffen wurden, die Patienten- wie Mitarbeiterzufriedenheit verbesserten.

Offene Worte und ehrliche Probleme

Noch vor der Veranstaltung sagte mir einer der Referenten: „Wir bekommen das Thema nicht zum Fliegen.“ Eine andere Stimme ergänzte: „Wir kämpfen gegen Windmühlen.“ Ich musste innerlich schmunzeln – genau dieses Gefühl kenne ich aus anderen Branchen. Doch schon nach den ersten Vorträgen wurde deutlich: Probleme wurden offen benannt, Abteilungen klar adressiert. Sprichwörter wie „Der Fisch fängt am Kopf an zu stinken“ fielen, und es zeigte sich, wie konstruktiv ein offener Umgang mit Hindernissen sein kann.

Blick über den Tellerrand

Zum Abschluss nahm Jörg Cwojdzinski, erfahrener Manager aus der Industrie, die Teilnehmenden mit auf eine Reise durch Prinzipien und Muster aus anderen Branchen. Sein Plädoyer: Lean ist kein Rezept, sondern ein gemeinsamer Lernprozess über Branchengrenzen hinweg.

Lean als humanistische Haltung

Vielleicht ist es genau dieser Punkt, der die Gesundheitsbranche von anderen unterscheidet: Sie denkt ganzheitlicher, weil sie von Natur aus humanistischer geprägt ist. Während in der Industrie oft Produkte oder Prozesse im Mittelpunkt stehen, lässt sich der Patient – unser „Kunde“ – niemals singulär betrachten. Jede Behandlung berührt mehrere Ebenen gleichzeitig: medizinisch, pflegerisch, organisatorisch und menschlich. Genau darin liegt wohl die besondere Stärke, die auf der Veranstaltung so spürbar wurde: Lean wird hier nicht als technisches Programm verstanden, sondern als Haltung, die den Menschen ins Zentrum stellt.

Ein Lernfeld für die Industrie

Mein Fazit: Vertreter:innen aus der Industrie können viel von der Gesundheitsbranche lernen – nicht unbedingt in der Anwendung einzelner Methoden, hier hat die Industrie oft mehr Erfahrung. Vielmehr im ganzheitlichen Ansatz entlang der gesamten Wertschöpfungskette, in der Integration aller Bereiche und der konsequenten Orientierung am Menschen. Diese Perspektive könnte auch in industriellen Kontexten neue Impulse für Kultur, Führung und Prozessgestaltung liefern.

LeanHospital 2026 – eine eigene Themenfläche beim LATC

Die Erkenntnisse aus Salzburg bestärken mich darin, LeanHospital nicht nur als einzelnen Vortrag wie in diesem Jahr beim LATC2025 zu präsentieren, sondern beim LATC2026 eine eigene Themenfläche mit dem Titel "Zwischen Qualität und Wirtschaftlichkeit – Praktische Ansätze zur Prozessoptimierung im Krankenhaus" dafür zu organisieren. Damit schaffen wir den Raum, um noch intensiver den Austausch zwischen Gesundheitswesen und Industrie zu fördern, praxisnahe Lösungen zu diskutieren und die Lean-Perspektive auf die gesamte Wertschöpfungskette im Krankenhaus weiter zu vertiefen.



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