Warum manche Organisationen Spitzenleistungen hervorbringen und andere nicht

Warum manche Organisationen Spitzenleistungen hervorbringen und andere nicht

Es gibt Orte, die eine merkwürdige Anziehungskraft auf Erfolg zu besitzen scheinen.

Der FC Barcelona brachte über Jahre hinweg Generationen außergewöhnlicher Fußballer hervor. Die Wiener Philharmoniker gelten seit Jahrzehnten als Maßstab ihres Fachs. Bestimmte Universitäten oder Forschungseinrichtungen scheinen regelmäßig Menschen hervorzubringen, die weit über das Durchschnittliche hinausgehen.

Vielleicht sind diese Organisationen erfolgreich, weil sie Bedingungen schaffen, unter denen Menschen außergewöhnlich werden können.

14. Juni 2026 um 09:28 Uhr von Ralf Volkmer


Der amerikanische Autor Daniel Coyle beschäftigt sich in seinem Buch The Talent Code mit einer Frage, die weit über den Sport hinausweist: Warum entstehen Spitzenleistungen häufig nicht zufällig verteilt, sondern konzentriert an bestimmten Orten?

Wer Talent ausschließlich als individuelle Eigenschaft versteht, steht vor einem Rätsel. Weshalb stammen überdurchschnittlich viele Spitzensportler aus denselben Vereinen? Warum entstehen wissenschaftliche Durchbrüche oft in bestimmten Instituten? Weshalb entwickeln manche Unternehmen über Jahrzehnte hinweg Führungskräfte und Innovationen, während andere trotz ähnlicher Ressourcen hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben?

Die Antwort könnte weniger mit den Menschen selbst zu tun haben als mit ihrer Umgebung.

Organisationen werden gewöhnlich über ihre Strategien beschrieben. Sie definieren Ziele, entwickeln Geschäftsmodelle und formulieren Leitbilder. Weitaus seltener richtet sich der Blick auf eine andere Frage: Wie lernen die Menschen innerhalb dieser Organisation?

Lernen ist keineswegs nur eine individuelle Angelegenheit. Es wird durch Strukturen, Erwartungen und kulturelle Muster geprägt.

In erfolgreichen Organisationen scheint ein gemeinsames Merkmal immer wieder aufzutreten: Sie schaffen Räume, in denen Menschen Fehler machen dürfen, ohne ihr Ansehen zu verlieren. Das klingt banal. Tatsächlich handelt es sich um eine seltene Fähigkeit.

In vielen Unternehmen entsteht eine Kultur der Fehlervermeidung. Mitarbeitende lernen früh, Risiken zu minimieren, Unsicherheiten zu verbergen und Probleme möglichst geräuschlos zu lösen. Fehler werden nicht als Teil eines Entwicklungsprozesses verstanden, sondern als Makel. Die Folge ist vorhersehbar. Wer Fehler vermeiden möchte, vermeidet häufig auch Lernen.

Anders verhält es sich in Organisationen, die auf Entwicklung ausgerichtet sind. Dort werden Irrtümer oder Fehler nicht glorifiziert, aber sie werden als notwendiger Bestandteil des Fortschritts akzeptiert. Lernen entsteht durch Ausprobieren, Rückmeldungen und Korrekturen. Es ist ein Prozess permanenter Annäherung.

Interessanterweise gilt dies nicht nur für den Sport oder die Wissenschaft, sondern ebenso für Organisationen unabhängig der Branchen.

Die besten Organisationen zeichnen sich oft nicht dadurch aus, dass sie weniger Probleme haben. Sie erkennen Probleme früher, sprechen offener über sie und reagieren schneller auf sie. Eine zweite Gemeinsamkeit erfolgreicher Organisationen liegt in ihrer Haltung gegenüber Führung.

Traditionell wird Führung mit Kontrolle verbunden. Wer Verantwortung trägt, soll entscheiden, steuern und überwachen. Doch je komplexer Aufgaben werden, desto weniger funktioniert dieses Modell.

Wissen verteilt sich heute auf viele Köpfe. Innovation entsteht selten durch einzelne Genies. Sie entsteht dort, wo Menschen miteinander lernen.

Die Aufgabe von Führung verändert sich dadurch grundlegend. Statt Antworten zu liefern, wird sie zunehmend zur Kunst, gute Fragen zu stellen. Statt Kontrolle auszuüben, geht es darum, Entwicklung zu ermöglichen.

Die besten Trainer im Sport arbeiten nach diesem Prinzip. Sie erzeugen keine Leistung. Sie schaffen die Voraussetzungen dafür, dass Leistung entstehen kann. Dasselbe gilt für die besten Organisationen. Ihre eigentliche Stärke besteht nicht in einzelnen Spitzenkräften. Sie liegt in ihrer Fähigkeit, Menschen wachsen zu lassen.

Vielleicht erklärt dies auch, weshalb manche Institutionen über Jahrzehnte hinweg erfolgreich bleiben, während andere von einzelnen Helden abhängig sind.

Organisationen, die auf Ausnahmetalente angewiesen sind, bleiben verletzlich. Verlässt der Star das System, verschwindet oft auch ein Teil der Leistungsfähigkeit.

Organisationen dagegen, die Lernen systematisch fördern, erneuern sich aus eigener Kraft. Sie produzieren nicht nur Ergebnisse, sondern fortlaufend neue Fähigkeiten.

In einer Zeit, in der nahezu jede Branche über Fachkräftemangel, Transformation und steigende Komplexität diskutiert, könnte genau darin die entscheidende Frage liegen. Nicht: Wo finden wir die Talente? Sondern: Wie gestalten wir Organisationen, in denen Talente entstehen können?



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