Formale Macht killt Kreativität und Innovation im Unternehmen

Formale Macht killt Kreativität und Innovation im Unternehmen

Ihr kennt das: vor einem Meeting findet ein munteres Geplausche statt, dann kommt der Chef, oder die Chefin herein und plötzlich herrscht Stille.

Ist Euch bewusst, dass alleine Eure Anwesenheit, also die Anwesenheit "fomaler Macht", das Ergebnis von Besprechungen maßgeblich beeinflusst?! Nicht nur das! Den Einfluss der Anwesenheit formaler Macht spürt man in allen Bereichen eines Unternehmens - und sie ist ein echter Kreativitäts- und Innovationskiller!

29. September 2025 um 10:12 Uhr von Andreas Kopp
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Kürzlich durfte ich in einem mittelständischen Unternehmen mehrere Workshops abhalten. Das Unternehmen hat eine sehr flache Hierarchie, eine sehr offene, positive Kommunikationskultur, in der sich vom Chef bis zur Hilfskraft alle duzen.

In den Workshops mit Ingenieuren, Technikern und Fachkräften ging es darum, für einen bestimmten Sachverhalt mit sehr komplexen Einflussfaktoren eine Lösung zu finden.

Der Chef, selbst gelernter Ingenieur, aber inzwischen seit 12 Jahren Geschäftsführer und nicht mehr operativ tätig, bestand zunächst darauf an allen drei Workshops teilzunehmen. Ich konnte ihn davon überzeugen, nur im ersten Workshop dabei zu sein und sich "fachlich und sachlich zurückzuhalten".


Der erste Workshop lief bzgl. Kreativität und Ideen "eher verhalten". Die Mitarbeitenden schienen gehemmt zu sein, ihre Ideen in den Raum zu werfen und sie hatten Schwierigkeiten, sich von ihren bekannten Denkmustern zu trennen. Der Chef hielt sich auffallend zurück, machte aber nach etwa einem Drittel der Zeit selbst einen Vorschlag. Von dem Moment an wurde das Meeting etwas offener, allerdings gingen von da an nahezu alle Vorschläge und Ideen in dieselbe, oder eine ähnliche Richtung, wie der nun im Raum stehende Vorschlag des Chefs.

Der zweite Workshop - ohne Anwesenheit des Chefs - verlief hingegen völlig anders. Von Anfang an sprudelten die Mitarbeitenden vor Ideen, es wurde kreativ gearbeitet und nach etwa der Hälfte der Zeit hatte das Team einen Vorschlag formuliert, der sich nicht nur deutlich vom Arbeitsergebnis des ersten Workshops unterschied, sondern auch noch zu verändernde Randbedingungen beinhaltete, um die Komplexität besser in den Griff zu bekommen.

Ähnlich verlief auch der dritte Workshop, dessen Ergebnis dem des zweiten Workshops sehr nahe kam.


Warum erzähle ich diese Geschichte?

Als Führungskraft hat man formale Macht. Und formale Macht beeinflusst! Immer!

Mitarbeitende wollen nichts sagen, was die Führungskraft verärgern könnte, sie wollen sich beliebt machen und "reden der Führungskraft nach dem Mund". Sie wollen sich für Höheres qualifizieren, wollen Projekte, Aufgaben, Verantwortung - und das alles bekommt man vermeintlich leichter, wenn man mit der Führungskraft auf einer Wellenlänge liegt.


Und das erstaunliche dabei ist: das liegt ausschließlich an der formalen Macht der Führungskraft, nicht an der Führungskraft selbst!

Völlig egal also, ob die Führungskraft ein cholerischer Chef ist, oder eher kollegial. Egal, ob im Unternehmen gesiezt wird, oder geduzt. Egal wie tief oder wie breit die Hierarchie im Unternehmen ist und sowieso völlig egal, welchem Geschlecht die Führungskraft angehört. Allein die formale Macht beeinflusst!


Natürlich kann die Persönlichkeit der Führungskraft diesen Effekt verstärken oder auch abschwächen. Es kann aber keineswegs gesagt werden, dass z.B. die Ergebnisse von Meetings mit cholerischen Führungskräften zu schlechteeren Ergebnissen führen, als solche mit kollegialen, oder empathischen Führungskräften, oder umgekehrt. Aber die Ergebnisse sind mit Anwesenheit einer Führungskraft anders, als die Ergebnisse ohne Führungskraft!


Die Anwesenheit von Macht beeinflusst nicht nur Meetings, das war nur ein Beispiel von vielen!

Die bloße Anwesenheit von formaler Macht beeinflusst ausnahmslos alle Bereiche im Unternehmen. Wenn beispielsweise in der Produktion die Führungskraft neben einem Mitarbeitenden steht, dann wird dieser tendenziell seine Tätigkeit besonders akribisch, oder besonders schnell, oder explizit den Arbeitsanweisungen folgend erledigen - auch wenn er die Tätigkeit sonst vielleicht anders ausführt, weil es anders schneller, besser, genauer geht...  das geschieht allein durch Anwesenheit formaler Macht. Er könnte dem Chef natürlich auch zeigen, wie er sonst arbeitet und versuchen "seine Innovation", oder Prozessoptimierung zu verkaufen. Er wird dies aber eher nicht tun, denn er beugt sich der formalen Macht.

Ähnlich in allen kreativen Bereichen eines Unternehmens: die Anwesenheit formaler Macht fördert das Denken in bewährten Mustern und verhindert neue Wege. Man greift tendenziell eher auf funktionierende Lösungen zurück, als Lösungen neu zu denken!


Ich weiß, ich weiß. Es wird mancher Führungskraft schwer fallen das zu glauben und noch schwerer, es zu akteptieren. Aber Ihr könnt Euch Eurer formalen Macht nicht entziehen!

Aber Ihr könnt Euer Unternehmen und Eure Teams so organisieren und mit Kompetezen ausstatten, dass sie immer mehr Entscheidungen selbst treffen können, dass sie kreativ und innovativ sein können, und dass sie ihre Innovationen umsetzen können!

Wie schon in einem früheren meiner Beiträge geschrieben:

"Der erfolgreichste Chef ist der, der es geschafft hat, sich entbehrlich zu machen!" Dem würde ich an dieser Stelle noch hinzufügen "...und der es sich erlauben kann, mit Abwesenheit zu glänzen!"


In dem Sinne:

Möge die Macht mit Euch sein!



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