Formen der Variabilität mit QRM effizient managen

Formen der Variabilität mit QRM effizient managen

Der 2teilige Artikel geht den Unwägbarkeiten der aktuellen Entwicklung aus Sicht des Quick Response Manufacturing (QRM) auf den Grund. Neben dem Zeit-Faktor ist Variabilität in ihren verschiedenen Formen von grundlegender Bedeutung für QRM und damit eine zentrale Größe überall dort, wo hochspezialisiert in kleinen Chargen oder individuellen Arbeitsvorgängen gearbeitet wird.

Im 1. Teil des Artikels thematisiert das Zusammenspiel zwischen Variabilität und Zeit. Der 2. Teil des Artikels geht auf die verschiedenen Formen der Variabilität ein:

> Variabilität bei Services und Dienstleistungen
> Variabilität der Kunden
> Variabilität der Lieferanten
> Variabilität der Beschäftigten

19. Januar 2026 um 07:00 Uhr von QRM Institut
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Formen der Variabilität und ihre Bedeutung für das „high mix - low volume“-Umfeld

Variabilität bei Services und Dienstleistungen

Immaterielle Güter wie Dienstleistungen oder Services sind Leistungen, die erbracht werden, aber nicht in physischer Form existieren. Da sie nicht greifbar sind, also weder berührt, gesehen und besessen werden können, kann man von einem Vertrauensgut sprechen. Denn immaterielle Leistungen beruhen auf den Erfahrungen, die Kunden mit ihnen machen - beim Kauf vertrauen sie darauf, dass die Leistung wie bestellt und vereinbart erbracht wird. 

Auf dieser Basis werden Dienstleistungen und Services nach dem Konsum subjektiv bewertet, abhängig von der empfundenen Qualität der Leistung.

Aus QRM-Sicht ist es wichtig, die Besonderheiten von Dienstleistungen von denen der materiellen Produkten abzugrenzen, da ihre Produktion und Auslieferung anderen zeitlichen Kriterien unterliegt:

  1. Simultanität von Produktion & Konsum
    Dienstleistungen sind nicht lagerfertig. Sie können nicht auf Vorrat produziert, gelagert und später verkauft oder verwendet werden. Sie werden in der Regel gleichzeitig erbracht und konsumiert.

  2. Customizing - hohe Varibilität bei Dienstleistungen
    Produkte können oft standardisiert, in Produktgruppen zusammengefasst und/oder in größeren Mengen hergestellt werden, während Dienstleistungen aufgrund der Beteiligung von Menschen und der individuellen Kundenbedürfnisse stärker variieren können.

  3. Nachfrage versus Kapazitäten
    Dienstleistungen werden dann erbracht, sobald Nachfrage danach besteht. In dem Moment der vereinbarten Leistung müssen also entsprechende personelle Kapazitäten und andere notwendige Ressourcen vorgehalten werden. Dies erfordert ein effektives Management und eine agile Arbeitsorganisation, um Wartezeiten zu minimieren und gleichzeitig noch effizient zu arbeiten. 

  4. Rolle des Kunden
    Dienstleistungen erfordern oft eine höhere Kundenbeteiligung während der Erbringung, während Produkte unabhängig vom Kunden hergestellt und dann an ihn verkauft werden können.

Generell kann das Kundenverhalten jedoch einen erheblichen Einfluss auf die Produktivität von Dienstleistungen haben. Zum Beispiel kann die Bereitschaft der Kunden, Anweisungen zu befolgen oder notwendige Informationen bereitzustellen, die Effizienz der Dienstleistungserbringung steigern. Umgekehrt können unklare Erwartungen oder unkooperatives Verhalten die Produktivität beeinträchtigen.

Die Variabilität von Kundenanfragen – also die Vielfalt, Unterschiedlichkeit und Unvorhersehbarkeit individueller Kundenwünsche – hat einen erheblichen Einfluss auf die Produktivität eines Unternehmens. Sie stellt sowohl eine Herausforderung als auch eine Chance dar, insbesondere in wettbewerbsintensiven und kundenorientierten Märkten.

Variabilität der Kunden

Kunden haben je nach Branche, allgemeiner Marktentwicklung und anderen Faktoren unterschiedliche Anforderungen an Produkte und Services. Die digitale Transformation hat die Kundenerwartungen verändert, wobei Personalisierung, nahtlose Erlebnisse und ansprechende Interaktionen über alle Kanäle hinweg erwartet werden. Unternehmen müssen sowohl ihre Angebote als auch Kommunikationswege kontinuierlich anpassen, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Unternehmen, die auf Kundenanfragen schnell reagieren und vergleichsweise kurze Lieferzeiten zusichern, haben zweifellos einen Wettbewerbsvorteil im global vernetzten Wettbewerb. Je variabler die Kundenanfragen sind, desto komplexer werden die betrieblichen Abläufe:

  • Produktionsplanung und -steuerung müssen häufiger angepasst werden.
  • Logistik und Materialwirtschaft benötigen flexible Strukturen, um kurzfristige Änderungen abbilden zu können.
  • Mitarbeiter müssen in der Lage sein, schnell zwischen unterschiedlichen Aufgaben und Anforderungen zu wechseln.

Die Variabilität von Kundenanfragen beeinflusst die Produktivität eines Unternehmens in zweifacher Hinsicht: Einerseits stellt sie operative Herausforderungen dar, die die Effizienz belasten können, z. B. durch häufiges Rüsten, Wartezeiten oder Abstimmungsprobleme. Dies wirkt sich im Zweifel negativ auf die zugesagten Lieferzeiten oder die Produktqualität aus.

Andererseits bietet sie strategische Chancen, wenn Unternehmen flexibel, digitalisiert und kundenorientiert aufgestellt sind. Ein gezieltes Management der Kundenanfragen bedeutet, die Bedürfnisse zu antizipieren und die Erwartungen zu übertreffen. Umfassender Kundensupport und benutzerfreundliche Anleitungen sind hierbei entscheidend. Systematisch eingeholtes Kundenfeedback ist notwendig, um sicherzustellen, dass deren Bedürfnisse und Anliegen fortlaufend berücksichtigt werden.

Moderne Technologien helfen, Kunden besser zu verstehen und anzusprechen. Eine effektive Integration digitaler Technologien ist hierfür unerlässlich: Big-Data-Analysen und KI-Technologien ermöglichen ein tieferes Verständnis des Kundenverhaltens. 

Kommunikation und Koordination

Eine hohe Kundenvariabilität erfordert eine enge Abstimmung zwischen verschiedenen Abteilungen – etwa Entwicklung, Produktion, Vertrieb und Logistik. Transparente Informationsflüsse und agile Organisationsstrukturen sind notwendig, um die wachsende Komplexität beherrschbar zu machen. QRM trägt dem Rechnung mit der Einrichtung Cross-funktionaler Zellen und der unternehmensweiten Implementierung.

Langfristig kann die größere Marktnähe die Produktivität indirekt steigern – z. B. durch bessere Auslastung, höhere Auftragsvolumen oder verbesserte Produkte.

Variabilität der Lieferanten

Die Variabilität der Lieferanten – also Unterschiede in ihrer Leistungsfähigkeit, Lieferzeit, Qualität, Zuverlässigkeit oder Preisgestaltung – hat einen erheblichen Einfluss auf die Produktivität eines Unternehmens. Eine stabile und planbare Lieferkette ist eine zentrale Voraussetzung für effiziente Produktionsprozesse. Eine hohe Variabilität auf der Lieferantenseite kann dagegen zu erheblichen Störungen führen.

Auswirkungen auf die Lieferfähigkeit und Produktionskontinuität

Wenn Lieferanten in ihrer Leistung stark variieren (z. B. unregelmäßige Lieferzeiten, schwankende Qualität oder kurzfristige Ausfälle), führt das zu sinkender Produktivität: Maschinen stehen still, Mitarbeitende warten auf Material.

Hinzu erschwert Variabilität auf der Lieferantenseite die Produktionsplanung, da die Verfügbarkeit von Vorprodukten unsicher ist. Unternehmen müssen:

  • häufiger umplanen,
  • kurzfristige Beschaffungsmaßnahmen ergreifen,
  • Alternativlieferanten einbinden oder
  • zusätzliche Prüfprozesse für schwankende Qualität einführen.

Das führt zu einem höheren organisatorischen Aufwand, der Ressourcen bindet und die Effizienz mindert.

Risiken für Just-in-Time- und Lean-Produktionssysteme

Moderne Produktionssysteme setzen auf geringe Lagerbestände und eine enge Taktung von Liefer- und Produktionsprozessen. In solchen Systemen ist die Zuverlässigkeit der Lieferanten entscheidend. Hohe Variabilität unterläuft diese Konzepte:

  • Die Lieferpünktlichkeit wird kritisch,
  • Engpässe führen direkt zu Produktionsausfällen,
  • Expresslieferungen erhöhen die Kosten. 

Das heißt: Die Schwäche eines Lieferanten kann sich schnell auf die gesamte Wertschöpfungskette auswirken – vor allem über ihre Auswirkungen auf Materialverfügbarkeit, Planbarkeit und Prozesssicherheit. Eine hohe Lieferantenvariabilität kann die Effizienz stark einschränken, erfordert zusätzlichen Koordinationsaufwand und gefährdet schlanke Produktionssysteme. 

QRM fokussiert auf eine gezieltes Lieferantenmanagement, das Risiken minimiert, Qualität sichert und durch strategische Partnerschaften zur Stabilität der Lieferkette beiträgt. Nur so kann ein Unternehmen seine Produktivität auch bei externen Unsicherheiten aufrechterhalten. 

Variabilität der Beschäftigten 

Die Variabilität der Beschäftigten – also Unterschiede in Qualifikation, Erfahrung, Motivation, Arbeitsweise, körperlicher und geistiger Leistungsfähigkeit sowie Anwesenheit – hat einen bedeutenden Einfluss auf die Produktivität eines Unternehmens. Beschäftigte sind ein zentraler Faktor in jedem Produktions- und Dienstleistungsprozess, weshalb ihre Leistungsfähigkeit und ihr Verhalten stark auf die Effizienz und Qualität der Arbeit wirken:

Unterschiede in Qualifikation und Kompetenz können die Produktivität beeinflussen, insbesondere wenn Aufgaben nicht passend zu den Fähigkeiten zugewiesen werden. Unternehmen müssen deshalb gezielt auf Potenzialenwicklung und Upskilling setzen.
 
Eine unterschiedliche Motivationslage kann also zu Leistungsschwankungen im Team führen. Eine Leistungsorientierte Unternehmenskultur,  Entwicklungsperspektiven und gute Führung können hier gezielt gegensteuern. 
 
Unterschiede in der Anwesenheit – etwa durch Krankheit, Teilzeit, Elternzeit oder hohe Fluktuation – beeinflussen die Kontinuität der Arbeitsprozesse. Ein bedarfsgerechtes Betriebliches Gesundheitsmanagement, optimale Personaleinsatzplanung und flexible Arbeitszeitmodelle können helfen, die Ausfallvariabilität zu senken.
 
Unterschiede in der Anpassungsfähigkeit und Lernbereitschaft kann durch individuelle Förderung, die klare Kommunikation von Anforderungen und Change-Management begegnet werden, um die Produktivität auch in Phasen des Wandels zu gewährleisten.
 
In Teams kann Variabilität sowohl positive als auch negative Effekte haben:

  • Heterogene Teams bringen unterschiedliche Perspektiven ein, fördern Kreativität und Innovation.
  • Gleichzeitig können Unterschiede in Arbeitsstilen oder Kommunikationsverhalten zu Reibungsverlusten führen.
  • Eine klare Rollenverteilung und gezielte Teamentwicklung sind hier essenziell für eine produktive Zusammenarbeit.

Die Variabilität der Beschäftigten ist ein zweischneidiges Schwert: Sie kann die Produktivität hemmen, wenn Unterschiede zu Ineffizienzen, Konflikten oder Qualifikationslücken führen. Richtig gemanagt, kann sie jedoch auch eine Quelle für Flexibilität, Innovation und Resilienz sein. 

Entscheidend ist ein vorausschauendes Personalmanagement, das personelle Vielfalt nicht nur ausgleicht, sondern gezielt als Stärke nutzt – durch Weiterbildung, Motivation, Gesundheitsförderung und gute Führung. Die konzeptionelle Gestaltung der Organisations- und Personalentwicklung rückt damit in den Vordergrund. Die QRM-Säule „unternehmensweite Anwendung“ unterstützt dies durch frühzeitige Einbindung der Personalabteilung im Zuge der Implementierung.

19.01.2026, Autorin: Ulrike Reiche



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