Die Frau an seiner Seite ... Folge 107

Manche Fragen an Männer über sich selbst können sie nicht selber beantworten. Das ist Fakt. Viele Männer würden auch manche Fragen über sich selbst gar nicht stellen. Auch das ist Fakt, obwohl man natürlich keinen Nachweis darüber erbringen kann, was diese nicht gefragten Fragen sind ...

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Vielleicht hat dieses Phänomen auch gar nichts mit dem Geschlecht zu tun, vielleicht ist es mehr eine Konsequenz ihrer Rolle, ihrer eingebildeten oder tatsächlichen Rolle. Und wer will schon aus der Rolle fallen, zumal sie auf roten Teppichen erstrahlt, das Leben versüßt als gäbe es kein Ende …

Fortunata, die Ehefrau des Dr. Nemo ist der Bitte des Interviewers nach einem Gespräch gefolgt. Es soll um das Bild Nemos gehen, dieses Bild des schönen Jünglings, das sie vor langer Zeit gemalt hat.

Nun liegt es auf der Hand, dass diese Darstellung Anklänge an die tragische Figur des Narziss beinhaltet. Der Narziss geistert ja durch viele Führungspersönlichkeiten und mit ihnen darüber zu reden, ist schon aus der Natur dieser Geisteshaltung ziemlich aussichtslos und man mag sich wundern, wie die Lebenspartner damit leben und lieben können.

Fortunata ist eine Künstlerin, sie lebt da, wo das Bellen des Mainstreams keine Ohren findet, ihr Leben ist Kunst, nein nicht Lebenskunst wie man meinen könnte, es ist Kunst an und für sich, eine Haltung, die … aber wir wollen nicht vorgreifen.

Man befindet sich im Atelier Fortunatas, in einem kleinen Häuschen auf ihrem grünen Anwesen auf der Insel Marettimo, rechts von Sicilia im Mittleren Meer.

Fortunata empfängt den Interviewer in ihrem weißen Malerkittel. Vor ihr auf einem Tisch liegen Tuben mit Farben, manche sind halb ausgedrückt, manche leer und fast könnte man meinen, dass dieses Bild mit den Farbflecken auf dem Arbeitstisch allein schon etwas zu sagen hat, jedenfalls mit etwas Phantasie.

Interviewer: „Schön, die vielen Farben auf Ihrem Tisch …“

Fortunata: „Ja, ich liebe Farben.“

Interviewer: „Haben Sie eine Lieblingsfarbe?“

Fortunata: „Nein, Farben stehen für mich nicht alleine da. Sie sind in Relation zueinander, sie ergänzen sich, sie akzentuieren sich gegenseitig und diese Beziehung der Farben herzustellen, das ist Kunst … dann formt sich ein Bild daraus, zuerst ein flüchtiges und dann wird es eine Persönlichkeit, ein Zusammenspiel, ein Ganzes, jedenfalls im Auge des Betrachters, die einzelne Farbe ist ohne Bedeutung.“

Interviewer: „Dann besteht ein Bild nur vordergründig aus Farben …“

Fortunata: „Ja, das Wesentliche kann man nicht malen, es lebt im Zwischenraum … gewinnt darin eine Art Losgelöstheit, eine Freiheit des Ausdrucks, die, wenn man den Künstler fragen würde, was sie bedeutet, ohne Antwort bliebe.“

Interviewer: „Aber Kunst hat doch eine Struktur, nicht alle Farben passen zueinander … “

Fortunata: „Wer sagt das …?“

Interviewer: „Mmmh!“

Fortunata dreht sich eine Zigarette, langsam rollt sie Papier und Tabak zusammen, befeuchtet den beneidenswerten Klebestreifen mit ihrem wundervollen roten Mund, dann zündet sie das kleine Kunstwerk an und spielt mit dem Rauch der Zigarette.

Fortunata: „Sie wollten sich aber nicht mit mir über Kunst unterhalten …“

Der Interviewer errötet leicht.

Interviewer: „Nein, eigentlich geht es um Ihren Gatten Dr. Nemo. Viele halten ihn für einen unnahbaren Narzissten … manche sogar für einen Psychopathen.“

Fortunata: „Ich weiß.“

Interviewer: „Wie leben Sie mit einem solchen Menschen … wie können Sie ihn lieben?“

Fortunata: „Liebe hat nichts mit Bewerten zu tun. Bewerten trennt und was da auf der Grundlage von Scheibchen des Seins zusammengefügt wird, was man passend nennt, ist eine Illusion … zumindest ist es starr, leblos wie das Bild, das ein Computer gemalt hat … muss ich das noch weiter ausführen …?“

Der Interviewer schweigt.

Fortunata: „Wie bei den Farben ist es ist nicht der Charakter, die Farbe des Menschen, die uns lieben macht. Was ich lebe und male, ist das, was sich eröffnet, wenn ich nicht mehr denke und urteile … eigentlich ist das die Welt … schrecklich und gleichzeitig schön … es gibt kein richtig und falsch. Ich liebe Nemo!“

Interviewer: „Das klingt wie Worte einer Träumerin.“

Fortunata: „Die Frage ist, wer träumt und wer lebt?“

Dann füllte sie zwei Gläser mit köstlichem Sommerwein, lächelt dem Interviewer in die Augen und ein Wimpernschlag Fortunatas ließ ihn ahnen, wem er da begegnet war.

Beim Abschied, bevor der Interviewer den Learjet Fortunatas bestieg, flüsterte sie ihm ins Ohr: „Was ist das Leben außer einer Träne aus der Unendlichkeit …“

Dann winkt sie ihm zu und der Jet fliegt zurück nach Los Straneros.

Was da passiert und welche Frage der Interviewer an Dr. Nemo nunmehr stellen wird, erfahren wir nächsten Dienstag …

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